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Dänemark : Warum weniger Krankenhäuser gut für die Gesundheit sind

Tut es der Gesundheit gut, wenn es weniger Krankenhäuser gibt? Die Dänen glauben dran. Hier fährt ein Rettungswagen durch die Hauptstadt Kopenhagen. Bild: danapress

In Dänemark werden reihenweise Krankenhäuser geschlossen. Nicht aus Not, sondern für den medizinischen Fortschritt. Da kann Deutschland noch einiges lernen.

          8 Min.

          Es gibt in Europa ein Land, dessen Politiker in den vergangenen Jahren ein Krankenhaus nach dem anderen geschlossen haben. Bald gibt es dort nur noch halb so viele Kliniken wie 2010. Ist das Land bankrott? Ächzt es unter Schulden, die seine Einwohner in medizinische Not treiben? Mitnichten. Das Land, um das es geht, heißt Dänemark, und es ist eines der wohlhabendsten auf dem Kontinent. Die Unternehmen machen glänzende Geschäfte. Das Bildungsniveau ist hoch, das Bruttoinlandsprodukt auch, die Lebenserwartung sowieso. Und doch gibt es in Dänemark, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, viel weniger Krankenhausbetten als in Deutschland. Wie passt das zusammen?

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am besten fährt man nach Gødstrup, um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen. Dort wird zurzeit nicht etwa ein altes Krankenhaus abgerissen, sondern ein neues gebaut. Gødstrup liegt mitten im dänischen Nirgendwo, genauer gesagt im Westen von Jütland, vor den Toren der Kleinstadt Herning, gut 50 Kilometer von der Nordseeküste entfernt. Früher gab es hier nur Felder, Wiesen und einen Schweinestall. Dann kamen die Bulldozer, Bagger, Kräne. Seit September 2012 ist Gødstrup eine Baustelle, so groß wie fünfzig Fußballfelder. In der Mitte stehen inzwischen, sieben Stockwerke hoch, unten rot-braun verklinkert, oben mit hellen Alu-Paneelen verkleidet, die beiden Bettentrakte des künftigen Bezirkskrankenhauses mit Platz für 400 Patienten. Der Innenausbau läuft auf vollen Touren, es werden Steckdosen gesetzt und Fußböden verlegt. Der Zeitplan ist ehrgeizig: Am 1. März 2021, morgens um 5 Uhr, soll die Notaufnahme den Betrieb aufnehmen.

          Poul Michaelsen, der Krankenhausdirektor von Gødstrup, wird daran gemessen werden, ob das klappt. Es sieht gut aus. Die neue Autobahn ist schon fertig, die direkt am Klinikgelände vorbeiführt und mit einer eigenen Abfahrt versehen ist. Die neue Haltestelle für die Regionalbahn auch. Aber die entscheidende Frage ist, ob eine einzige zentral gelegene Klinik tatsächlich genügt für die Krankenversorgung in einem Gebiet, das knapp doppelt so groß ist wie das Saarland, rund 300 000 Einwohner zählt und bis vor kurzem noch fünf kleinere, kreuz und quer über die Fläche verteilte Krankenhäuser mit 1000 Betten hatte. Drei von ihnen sind schon geschlossen. Die zwei anderen bleiben in Betrieb, bis alle Abteilungen in das neue Haus umgezogen sind.

          Einzelzimmer für alle

          „Die alten Kliniken waren 100 Jahre alt“, sagt Poul Michaelsen. „Wir hätten dort nie die neueste Technik einsetzen können, die wir im neuen Krankenhaus haben werden. Das ist besser für die Patienten und für das Personal.“ Kürzere Wege, effizientere Abläufe, unter anderem ein Rohrpostsystem für Müll und schmutzige Wäsche: So soll das neue Krankenhaus mit dem gleichen Budget 8 Prozent mehr medizinische Leistungen erbringen als die fünf alten zusammen.

          Bessere Medizin, geringere Kosten – der Neubau von Gødstrup ist die Probe aufs Exempel, ob das möglich ist. Dabei ist die große Krankenhausreform, zu der Poul Michaelsens Baustelle gehört, aber höchstens auf lange Sicht ein Sparprogramm. Erst einmal wird dafür kräftig Geld ausgegeben. Ein Land, das unter Schulden ächzt, könnte sich das nicht leisten. Allein der Neubau in Gødstrup kostet umgerechnet 430 Millionen Euro. Dafür entsteht dort eins von sechs nagelneuen „Superkrankenhäusern“ im Land; auf diese werbewirksame Bezeichnung haben sich die Befürworter der Reform schnell geeinigt. In Gødstrup wird es ausschließlich Einzelzimmer geben, standardmäßig mit einem Besuchersofa eingerichtet. Das sei kein Luxus, sagt Michaelsen, sondern eine Reaktion auf den medizinischen Fortschritt. Künftig würden mehr Eingriffe ambulant vorgenommen. Auf den Stationen würden nur noch diejenigen Patienten aufgenommen, bei denen es wirklich nötig sei. Diese brauchten dann aber auch die Ruhe eines Einzelzimmers, wo die Ärzte mit ihnen ungestört Vertrauliches besprechen können.

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