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Cryan wird Deutsche-Bank-Chef : Wer ist der neue Mann an der Spitze?

John Cryan im Februar 2011 bei einer Bilanzpressekonferenz in Zürich - damals war er noch UBS-Finanzvorstand Bild: Reuters

Der Brite John Cryan soll die Deutsche Bank wieder auf Kurs bringen. Dabei wird er manche Hürde überwinden müssen. Warum trauen ihm alle so viel zu?

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          Der neue Hoffnungsträger der Deutschen Bank ist Brite, aber damit soll sich die Bank nicht weiter aus Deutschland entfernen. John Cryan spreche Deutsch, ist aus Frankfurter Finanzkreisen zu hören. Die Reden des Vorstands auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank würden künftig ausschließlich in deutscher Sprache gehalten. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank hat Cryan am Sonntag mit Wirkung vom 1. Juli zum neuen Ko-Vorstandsvorsitzenden an der Seite Jürgen Fitschens berufen. Cryan folgt Anshu Jain, der den Vorstand zur Jahresmitte verlässt. Mit der Hauptversammlung im kommenden Jahr soll Cryan den alleinigen Vorstandsvorsitz übernehmen. Zuvor hatten die bisherigen Ko-Vorstandsvorsitzenden Fitschen und Jain dem Aufsichtsrat ihren Rücktritt angeboten. Während Jain das Haus schnell verlassen wird, bleibt Fitschen bis Mai 2016.

          Gerald Braunberger
          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer ist der designierte Chef der Deutschen Bank? Cryan hatte in den frühen neunziger Jahren für das englische Wertpapierhaus SG Warburg unter anderem in München gearbeitet. Nachdem SG Warburg von der schweizerischen Großbank UBS übernommen wurde, machte Cryan bei seinem neuen Arbeitgeber eine steile Karriere. Von 2008 bis 2011 war der Brite in Zürich Finanzvorstand der UBS.

          Bis zum vergangenen Jahr arbeitete Cryan als Europa-Chef des in Singapur ansässigen Staatsfonds Temasek; heute ist er als Berater tätig, unter anderem für den Hedge-Fonds MAN Group und nach wie vor für Temasek. Dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank gehört Cryan seit dem Jahre 2013 an. Er ist dort Vorsitzender des Prüfungsausschusses und Mitglied des Risikoausschusses. Der 54 Jahre alte Brite wird als außerordentlich sachkundig und als sehr gut vernetzt in der internationalen Finanzwelt geschildert. Er sei kein Charismatiker, wirke sehr bodenständig, sagen Menschen, die ihn kennen.

          Cryan soll die neue Strategie weiter umsetzen

          Die Vermutung ist erlaubt, dass der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Paul Achleitner, Cryan nicht ohne Hintergedanken in das Aufsichtsgremium der Bank geholt hatte. Schon im vergangenen Jahr kursierte der Name des Briten in der Bank wie in Medien als eine denkbare Nachfolgelösung, falls Jain als Folge der zahlreichen Rechtsstreitigkeiten die Bank verlassen müsse. Mit der Berufung Cryans zum alleinigen Vorstandsvorsitzenden ab Mai 2016 haben sich auch immer wieder kehrende Gerüchte erledigt, nach denen der Verwaltungsratsvorsitzende der UBS, Axel Weber, einen Ruf von der Deutschen Bank erhalten könnte.

          Mit der Berufung Cryans soll die erst vor wenigen Wochen beschlossene neue Strategie der Deutschen Bank konsequent umgesetzt und nicht noch einmal überarbeitet werden. Die Strategie sieht einen Verkauf der Postbank und die Schließung von rund 200 Niederlassungen der Deutschen Bank in Deutschland vor. Außerdem soll die Digitalisierung des Privatkundengeschäfts vorangetrieben werden. Es wird interessant sein zu sehen, ob es Cryan gelingt, die Mitarbeiter im Privatkundengeschäft, das sich ohnehin gegenüber dem Investmentbanking zurückgesetzt fühlt, anzusprechen und mitzunehmen. Der langjährige Privatkundenvorstand Rainer Neske hat die Bank gerade erst verlassen; neuer Vorstand für das Privatkundengeschäft ist Christian Sewing, der sich aber selbst erst noch in seinem neuen Bereich etablieren muss.

          Das Investmentbanking der Deutschen Bank wird im Rahmen der neuen Strategie zwar auch beschnitten, aber es bleibt ein bedeutender Geschäftsbereich, der auch künftig als Ertragsmaschine eingeplant ist. Cryan wird nicht nur die Neuordnung des Investmentbankings betreiben müssen, sondern vor allem auch dafür sorgen müssen, dass wichtige Mitarbeiter nach dem Ausstieg Jains an Bord bleiben.

          Jain hat sein Ziel nicht erreicht

          Denn Jain hatte das Investmentbanking der Deutschen Bank über viele Jahre geprägt. Halb respektvoll, halb besorgt hatte man Jains wichtigste Mitarbeiter im Konzern als „Anshu‘s Army“ bezeichnet. Mit seiner Berufung zum Ko-Vorstandsvorsitzenden im Mai 2012 war es Jain gelungen, langjährige Mitarbeiter auf wichtige Positionen in der Konzernführung zu hieven. Zu diesen Männern gehört beispielsweise Michele Faissola, unter dessen Führung der Geschäftsbereich Vermögensverwaltung erheblich an Schlagkraft gewonnen hat. Jain hat fast auf den Tag genau 20 Jahre für die Deutsche Bank gearbeitet. Sein Lebensziel, die Deutsche Bank aus dem Vorstandsvorsitz heraus als eine der führenden Universalbanken der Welt zu etablieren, ist mit seinem Ausstieg zur Jahresmitte gescheitert.

          Cryans Pläne für das Investmentbanking werden auch deshalb mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden, weil er die schweizerische UBS sehr gut kennt. Die UBS hatte bis vor wenigen Jahren selbst sehr große Ambitionen im Investmentbanking. Unter Führung Axel Webers haben die Schweizer ihre Präsenz im Investmentbanking deutlich reduziert und statt dessen das ohnehin starke Geschäft mit der Vermögensverwaltung weiter ausgebaut. Die Deutsche Bank ist bis heute vor allem in Handelsgeschäften an den internationalen Finanzmärkten stark vertreten, die aber viel knappes Eigenkapital absorbieren. Die Deutsche Bank ist auf diese Weise die einzige nicht-amerikanische Investmentbank, die im Konzert der Riesen aus der Wall Street mitspielen kann. Cryan wird in den kommenden Jahren eine Antwort auf die Frage stellen müssen, ob sich die Deutsche Bank diese Ambitionen leisten kann.

          Zahllose Rechtsstreitigkeiten

          Noch lange nicht beendet ist die Verwicklung der Deutschen Bank in zahllose Rechtsstreitigkeiten. Hier hat Cryan den Vorzug, dass er bisher keine operative Verantwortung für die Deutsche Bank hatte und daher keine persönliche Verwicklung in die verschiedenen Skandale, mit deren Folgen die Deutsche Bank zu kämpfen hat, vorliegt. Aus seiner Zeit aus der UBS ist keinerlei Verwicklung Cryans in Skandale bekannt.

          Die jüngste Hauptversammlung der Deutschen Bank hatte das Ende der Amtszeit von Fitschen und Jain eingeleitet. Dort hatten nur 61 Prozent der anwesenden Aktionäre den Vorstand entlastet. Jain hatte einen bizarren Auftritt, weil seine in englischer Sprache gehaltene Rede im Original überhaupt nicht zu hören war, sondern nur die Stimme eines Übersetzers, der Deutsch sprach. Der Auftritt wirkte, als spiele Jain die Hauptrolle in einem schlecht synchronisierten Film. Die Verträge von Fitschen und Jain wären 2017 ausgelaufen. Fitschen hätte die Bank dann mit 68 Jahren verlassen. Jain hingegen konnte nach den Erfahrungen der vergangenen Monate nicht mehr sicher sein, einen über das Jahr 2017 hinausreichenden Vertrag zu erhalten, andererseits sollte er im Vorstand die Umsetzung der neuen Strategie bis zum Jahre 2020 verantworten. Mit ihrem Rücktrittsgesuch kamen Fitschen und Jain lähmenden Personaldebatten zuvor.

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