https://www.faz.net/-gqe-8xd5h

„Crowdworking“ : Tschüss Büro

Aber es sind auch ganz neue Tätigkeiten hinzugekommen. Viele „Microjobs“ würde es ohne Digitalisierung nicht geben, sie waren früher viel zu aufwendig: Straßenschilder für den Navigationsgerätehersteller Tom Tom fotografieren, im Supermarkt um die Ecke für einen Schokoladenkonzern die aktuelle Werbeaktionen überprüfen – dafür gibt es Geld. Jeder, der ein Smartphone bei der Hand hat, kann das leicht übernehmen.

Sanfte Befreiung aus der Umklammerung eines festen Arbeitsvertrags

So unterschiedlich die Tätigkeiten, so unterschiedlich ist auch die Bezahlung: Sie reicht von deutlich unter 10 Euro die Stunde bis zu 70 Euro die Stunde für anspruchsvolle IT-Dienstleistungen, wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung im vergangenen Jahr ergab. Ein einzelner Auftrag bringt mal drei, mal 2500 Euro. Den Spitzenverdienern unter den Crowdworkern gelingt es sogar, 10000 Euro im Monat zu verdienen. Doch für die allermeisten, rund 80 Prozent, geht es eher um einen Nebendienst.

Hinter diesen Zahlen könnte ein größerer gesellschaftlicher Trend liegen: die sanfte Befreiung aus der Umklammerung eines festen Arbeitsvertrags, den manche mit einem beschwerlichen Büroalltag verbinden. „Wir sehen gerade eine Verlagerung vom Angestellten zum Selbständigen“, sagt Jovoto-Gründer Unterberg. „Jovoto ist dafür der Katalysator.“ Und er fragt ganz unbedarft: „Kann diese neue Art zu arbeiten nicht auch ein Befreiungsschlag für die ganze Gesellschaft sein?“

Dafür müsste ein Problem allerdings noch gelöst werden: die fehlende Absicherung im Alter. In Deutschland gibt es mehr als zwei Millionen Solo-Selbständige. Viele von ihnen rutschen womöglich in die Altersarmut, weil sie nicht vorsorgen. Was passiert, wenn sich der Rest der Gesellschaft künftig auch um diese digitalen Freiberufler kümmern muss?

Arbeiten können, wann, was und wie man will

Stephan Gerhard, 54 Jahre alt, ist einer der wenigen, die ihren Lebensunterhalt komplett als Crowdworker bestreiten, nicht von Bali in Südostasien aus, sondern aus Bonn. Vorher hat er für einen Bankenverband gearbeitet, dann für ein großes Logistikunternehmen. Schon seit vier Jahren schreibt er Texte über Finanzen oder Versicherungen. Als Befreiungsschlag war das nicht gedacht, eher als Selbsttherapie nach einer persönlichen Krise. Für wen er die Texte schreibt, ob für einzelne Anbieter oder Vergleichsportale, davon hat Gerhard allenfalls eine leichte Ahnung.

Denn die Auftraggeber haben auf der Plattform keinen Namen, sondern einen Code. Gerhard stört das nicht. Die Plattform stellt für ihn sicher, dass er sein Honorar bekommen wird. 2000 Euro brutto im Monat verdient er so, bei einer geschätzten 40 Stunden-Woche. Das ist nicht besonders viel, hat für ihn aber einen unschlagbaren Vorteil: die Freiheit, arbeiten zu können, wann er will, was er will und wie er will. „Selbstbestimmtes Arbeiten ist ein Wert an sich“, sagt Stephan Gerhard.

Sieht so die Zukunft der Arbeit aus? Für viele Menschen dürfte das der Fall sein. Darin sind sich die Fachleute einig, in den Konzernetagen und in den Startups genauso wie in der Gewerkschaft. „Hier treffen zwei Megatrends aufeinander“, sagt Robert Fuß von der IG Metall. „Die Digitalisierung und die Managementstrategie, Risiken auf andere abzuwälzen. Da steckt viel Dynamik drin.“

Weitere Themen

Arbeitslosenzahl sinkt im November Video-Seite öffnen

Trotz Teil-Lockdown : Arbeitslosenzahl sinkt im November

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist trotz neuer Corona-Beschränkungen im November gesunken. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2,699 Millionen Menschen arbeitslos, 61.000 weniger als noch im Oktober.

Topmeldungen

Macbook Air, Macbook Pro und Mac Mini

Macbook mit M1-Chip im Test : Potzblitz

Die neuen M1-Rechner von Apple laufen nicht nur besser als gedacht, sondern sind Tempomaschinen. Geht es um die Software-Kompatibilität, gibt es eine große Überraschung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.