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Crowdinvesting : Geld für Start-ups und Plattformen

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Bild: dpa

Das Finanzierungsmodell des Crowdinvestings hatte in Deutschland aufgrund enger gesetzlicher Grenzen einen schweren Stand. Das hat der Deutsche Bundestag jetzt geändert.

          Schwarmfinanzierungen (Crowdinvesting) sind ein innovatives Finanzierungsmodell, bei dem eine große Anzahl meist privater Personen („die Crowd“) über eine digitale Plattform ein Projekt oder Unternehmen eines Emittenten finanziert. In Deutschland hatte das Crowdinvesting bislang keinen leichten Stand, da es – anders als in anderen Mitgliedstaaten der EU – nur innerhalb enger Grenzen möglich war, solche Vermögensanlagen anzubieten, ohne zuvor ein zeitaufwendiges und kostenintensives behördliches Prospektbilligungsverfahren zu durchlaufen. Trotz dieser Beschränkungen konnte der deutsche Crowdinvestingmarkt seit den Anfängen im Jahr 2011 sein Volumen in jedem Jahr durchschnittlich verdoppeln. Im vergangenen Jahr erreichte er knapp 300 Millionen Euro.

          Umso erfreulicher ist es, dass der Deutsche Bundestag im Mai dieses Jahres im Zuge der Umsetzung der neuen EU-Prospektverordnung die Gelegenheit genutzt hat, zugleich das nationale Regime für Schwarmfinanzierungen anzupassen. Das ist allein schon vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass seit dem Ausbruch der Finanzkrise gesetzliche Erleichterungen im Bereich der Finanzmarktregulierung eher Seltenheitswert genießen. Am 16. Juli sind die Neuregelungen im Vermögensanlagengesetz in Kraft getreten.

          Die Gesetzesänderung bewirkt Erleichterungen auf verschiedenen Ebenen. Besonders relevant dürfte die Anhebung des prospektfrei zulässigen Gesamt-Emissionsvolumens werden. War dieses bisher auf insgesamt 2,5 Millionen Euro pro Emittent beschränkt, werden durch die Neuregelung nun Emissionen mit einem Gesamtvolumen von bis zu 6 Millionen Euro zulässig, wobei diese Schwelle nun jeweils auf 12 Monate gesehen berechnet wird. Zudem ist nun neben den bekannten Nachrangdarlehen auch die Emission von Genussrechten – die als Eigenkapital im Sinne des Handelsgesetzbuchs ausgestaltet werden können – in Form einer prospektfreien Schwarmfinanzierung möglich, weiterhin nicht aber eine Emission von GmbH-Geschäftsanteilen. Es bleibt dabei, dass ein dreiseitiges Vermögensanlagen-Informationsblatt (VIB) veröffentlicht werden muss. Auch die für Anleger maßgeblichen Einzel-Investmentschwellen ändern sich. Bisher durften Anleger bei einem frei verfügbaren Vermögen in Höhe von mindestens 100 000 Euro maximal 10 000 Euro pro Emittent oder aber maximal den zweifachen Betrag ihres durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommens, höchstens aber 10 000 Euro anlegen. Der letztgenannte Schwellenwert ist nun auf 25 000 Euro angehoben worden.

          Diese Änderungen der Prospektregeln für Vermögensanlagen stehen im Kontext einer bereits im letzten Jahr umgesetzten Erleichterung für kleinteilige Wertpapieremissionen, sogenannte Mini- oder Crowd-Bonds: Alle Arten von Wertpapieren, einschließlich Aktien, können nach der deutschen Umsetzung der neuen EU-Prospektverordnung seit Juli 2018 im Umfang von bis zu 8 Millionen Euro (auf 12 Monate gesehen) prospektfrei emittiert werden. Auch hier gelten für Anleger Einzel-Investmentschwellen, deren Einhaltung von dem Vermittler zu prüfen ist, und auch hier ist ein dreiseitiges Wertpapier-Informationsblatt (WIB) zu veröffentlichen. Bei Eigenemissionen, bei denen kein lizenzierter Vermittler eingebunden ist, beträgt das entsprechende maximale Volumen 1 Million Euro.

          Die Crowdinvesting-Praxis erprobt derzeit innovative Strukturen, die durch diese Neuregelungen möglich geworden sind. Neben Emissionen von Mini-Bonds und -Genussscheinen haben so jüngst unter anderem Aktienemissionen stattgefunden, bei denen die Anleger zugleich Venture-Capital-übliche Gesellschafter- und Poolingvereinbarungen abgeschlossen haben. Auch Verbriefungen einzelner Unternehmensbeteiligungen oder auch von Immobilien sind auf diese Weise prospektfrei möglich geworden. Die nächste Veränderung der Regularien der jungen Branche wirft bereits ihre Schatten voraus: Durch einen Verordnungsvorschlag der EU-Kommission soll bald ein europaweit einheitliches Rahmenwerk für „European Crowdfunding Service Provider for Business“ geschaffen werden.

          Die Autoren sind Partner bei GSK Stockmann.

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