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Wechsel zu Vonovia: Helene von Roeder Bild: Martin Joppen

Vonovia-Vorstand : Helene von Roeders neue Heimat

Die Deutschland-Chefin der Credit Suisse will eine Familientradition fortsetzen. Deshalb wechselt sie in den Vorstand von Vonovia. Dort steht sie weniger im Rampenlicht.

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          Ihr Name fällt oft in einem Atemzug mit Dorothee Blessing, der Deutschland-Chefin der amerikanischen Großbank J.P. Morgan, und mit Carola von Schmettow, der Vorstandsvorsitzenden von HSBC Deutschland. Kein Wunder: Auch Helene von Roeder ist Deutschland-Chefin einer ausländischen Bank, der Credit Suisse. Und sie kommt ähnlich wie die beiden anderen Damen aus einer Unternehmer-Familie, die sogar in der obersten Dax-Liga mitspielt. Ihr Vater Max Dietrich Kley war 13 Jahre im Vorstand von BASF. Vater und Tochter sind im Temperament grundverschieden: Max Dietrich Kley, ein Polterer mit provokanter Art, dessen Launen gefürchtet waren; Helene von Roeder mit eher scheuem Auftritt, aber mit starkem Willen, sich zu behaupten.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass die 47 Jahre alte Deutschland-Chefin der zweitgrößten Schweizer Bank auf der Suche nach etwas Neuem war, ist am Finanzplatz Frankfurt kein Geheimnis geblieben. Aber auf welche Position könnte Roeder als Nächstes springen? Klar war für Bekannte: Zu einer Londoner Finanzadresse zieht es sie nicht, vielleicht weil sie die „City“ nach 22 Jahren als Investmentbankerin bestens kennt. Ihre Tätigkeiten für Deutsche Bank, UBS, Morgan Stanley und eben Credit Suisse führten sie oft dorthin. Für ihre persönliche Weiterentwicklung zieht es Roeder jetzt vor, die Bankenbranche ganz zu verlassen. Im Sommer wechselt sie in den Vorstand des Wohnungsunternehmens Vonovia. Viele Kollegen in der Credit Suisse sind überrascht, als sie am Dienstag vom baldigen Abschied Roeders erfahren, über den diese Zeitung in ihrer Mittwochausgabe berichtet hat.

          „Eine Königin ohne Land“

          „Es gab schon länger das Gerücht, dass sie so etwas angestrebt hat, einen richtigen Vorstandsposten“, sagt einer, der sie kennt. Auch ihrer Familie sei das wichtig, behauptet er. Denn die Familie des Vaters ist eine kleine Deutschland AG, mit Max Dietrich Kley, seinen Brüdern Karl-Ludwig (lange im Vorstand der Lufthansa und dann Unternehmensleiter der Merck KGaA) und Andreas (früher Finanzchef Siemens Kraftwerksbau) sowie deren Vater Gisbert (einst Vorstand Siemens). Helene von Roeder wolle es sich und der Familie beweisen, dass auch sie in einem Unternehmen erfolgreich tätig sein könne, heißt es. Aber wäre angesichts ihrer gegenwärtigen Position nicht noch mehr möglich gewesen als der Vorstandsposten für Controlling?

          VONOVIA

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          Manche Beobachter am Finanzplatz Frankfurt geben zu bedenken, dass „Deutschland-Chefin der Credit Suisse“ nach mehr Einfluss klinge, als in der Realität dahinterstecke. Durch den Verkauf des deutschen Privatkundengeschäfts an die Bethmann Bank ist Credit Suisse deutlich geschrumpft, manche nennen Roeder deshalb sogar „eine Königin ohne Land“.

          Außerdem herrsche in der Credit Suisse, schlimmer noch als in anderen Auslandsbanken, eine komplizierte „Abstimmeritis“: Roeder kann wenig selbst entscheiden, muss viel an die Zentrale in Zürich und die Divisionsleiter in London oder New York berichten. Anderseits gilt aber auch: In einer ausländischen Tochtergesellschaft kann man sich Freiheiten erarbeiten und als oberste Repräsentantin deren Bild prägen. Doch Roeders Ausstrahlungskraft scheint einigen im Vergleich etwa zu Dorothee Blessing eher begrenzt.

          Allerdings ist Credit Suisse als Berater von Unternehmen zuletzt wieder sehr gefragt gewesen. Beachtlich sind vor allem die Mandate von Praxair bei der Übernahme von Linde, von Bayer bei der Übernahme von Monsanto und die Kapitalerhöhung der Deutschen Bank. Diese Erfolge kann sich Roeder zuschreiben. Sie besucht seit jeher gern Kunden, ob sie Daimler, RTL oder Abu Dhabi heißen. Deshalb stellt sich schon die Frage: Müsste für Roeder, wenn sie ihre Kontakte spielen lässt, nicht mehr drin sein als der Posten als Controlling-Vorstand in einem Dax-Konzern?

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          Abgesehen davon, dass viele Unternehmen Controlling eher unter dem Finanzvorstand anordnen, wirkt die Konstellation bei Vonovia auch heikel: Von Sommer an muss sich Roeder im Vorstand in Finanzfragen mit dem nur zehn Jahre älteren Finanzvorstand Stefan Kirsten arrangieren, der als dominant gilt und kaum etwas wie zum Beispiel die Kapitalmarktkommunikation abgeben wird. „Ich glaube nicht, dass Kirsten sich die Butter vom Brot nehmen lassen wird“, sagt jedenfalls ein Kenner.

          Banker schaffen es nur noch selten in die Industrie

          Womöglich aber ist Roeder froh, nicht mehr im Licht der Öffentlichkeit zu stehen und bald analytischer arbeiten zu können. Als sie bei Credit Suisse anfing, gab die studierte Astrophysikerin ihr erstes Interview (mit dieser Zeitung) erst nach zehn Monaten. Ihr Privatleben hält sie so gut wie möglich unter Verschluss – verständlich, obwohl zum Beispiel bekannt ist, dass ihr Ehemann sich als selbständiger Forstwirt viel um die drei Kinder kümmert. Aber zur Aufgabe als Deutschland-Chefin gehört das Repräsentieren nun einmal zwingend dazu.

          „Repräsentieren ist nicht ihre Stärke“, bestätigt auch ein Frankfurter Banker, der sie gut kennt, und fügt hinzu: „Sie hat eine sehr spezielle Art, sich zu verkaufen, verkauft sich gerne als die liebe, nette Person.“ Möglicherweise war das eine komplementäre Rolle, die Roeder im sonst eher rauhen, männlich geprägten Investmentbanking erfüllte.

          Vielleicht aber weiß sie nur, ihren Ehrgeiz zu verstecken. Und hat jetzt ihre Chancen als Bankerin auf dem Arbeitsmarkt richtig eingeschätzt. Schließlich ist ein Wechsel von der Bank in die Industrie keine Selbstverständlichkeit mehr, nachdem der Ruf der Banker in der Finanzkrise dermaßen gelitten hat. „Schön zu sehen, dass man als Investmentbanker noch eine Zweitverwendung hat“, sagt ein Investmentbanker zu Helene von Roeders Wechsel am Mittwoch augenzwinkernd. Ein treffender, aber seltener Kommentar in dieser sich oft selbst überschätzenden Glitzerwelt. Mit ihr hat Roeder bald noch weniger gemein.

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