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Corporate Governance : Die wahren Herrscher sind die Manager

Manager - die wahren Herrscher Bild: picture-alliance/ dpa

Sind Firmen wirklich rein wirtschaftliche Veranstaltungen? Daran gibt es Zweifel. Nun mischt die Politik wieder stärker mit und will wichtige Branchen vor „Heuschrecken“ schützen. Damit machen sich Politiker zu Helfershelfern für den Machterhalt der Manager. Von Rainer Hank.

          7 Min.

          Deutschland geht in Deckung. Post, Banken, Strom, Telekommunikation: Die Bundesregierung will wichtige Branchen vor dem Zugriff ausländischer Investoren schützen. Warum nicht auch noch Bahn, Häfen, die Lebensmittelindustrie oder die Müllabfuhr? Angela Merkel spricht von „Schlüsselunternehmen“. Sie dürfen nicht in ausländische Hand fallen. Schon gar nicht in die Hand von fremden Staatskonzernen, die sich als Unternehmen nur tarnen, in Wirklichkeit aber politisch-strategische Absichten verfolgen. Schon sinnen die Politiker auf Abwehrstrategien: Gesetze, Genehmigungsverfahren und regierungsamtliche Scanner zur Feststellung unlauterer Unternehmensabsichten werden derzeit in Berlin entworfen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Szenarien klingen abenteuerlich: Die russische Gasprom könnte hierzulande ganz legal einen Beutezug zur Beherrschung des deutschen Stromnetzes unternehmen. Und chinesische Staatsfonds wären mühelos in der Lage, mit nur einem Teil ihrer Devisenreserven die 30 Dax-Werte zu kassieren.

          Es geht um das Abc der deutschen Großkonzerne

          Was heißt hier Dax-Werte? Es geht um das Abc der deutschen Großkonzerne - von Allianz bis Volkswagen, von BASF bis TUI. Staatlich kontrollierte Fonds und Unternehmen verwalten nach Schätzungen der Investment Bank Morgan Stanley weltweit 2500 Milliarden Dollar Kapital. Vorstellen kann sich das niemand. Aber leicht lässt sich ermessen, dass das allemal reicht, um Kapitalismus zu spielen und in Wirklichkeit Politik zu machen.

          Gasprom könnte ganz legal einen Beutezug unternehmen

          Politisch verkleidete Firmen? Staatsbehörden zur Genehmigung von Unternehmensübernahmen? Nach dem Lehrbuch des Kapitalismus dürfte es weder das eine noch das andere geben. Denn Firmen sind rein wirtschaftliche Veranstaltungen, gegründet und am Leben gehalten im nackten und nützlichen Profitinteresse seiner Eigentümer, völlig unabhängig von ihren religiösen, politischen oder sozialen Motiven. „Es ist die soziale Verantwortung der Unternehmen, ihren Profit zu steigern“, pflegte Milton Friedman zu sagen, der Altmeister der Chicago-Schule. Und sonst gar nichts. Selbst wenn Eigentümer unlautere Absichten hätten: Schaden entstünde dadurch nicht. Denn auf freien Märkten mit einer gut funktionierenden Wettbewerbsordnung sind Motive belanglos, während unwirtschaftliches Verhalten vom Markt bestraft wird. Der Kapitalismus gilt als jene Wirtschaftsordnung, in welcher auch böse Menschen den geringsten Schaden anstellen können.

          Wer glaubt noch an das Lehrbuch?

          Corporate Governance heißt seit mehr als zehn Jahren die Zauberformel, die dafür sorgt, dass in einer Firma auch alles mit rechten und fairen Dingen zugeht: Die Eigentümer sind die Prinzipale. Sie sind letztlich die Anspruchsberechtigten („residual claimants“), sie suchen sich fürs operative Geschäft ihre Agenten aus (das Management), bestimmen deren Gehalt, wachen über die Investitionen und kassieren die Dividende. Ein Unternehmen ist somit nichts anderes als eine Vertragsbeziehung zwischen Finanzinvestoren, die untereinander geregelt haben, auf welche Weise aus ihrem finanziellen Einsatz mehr Geld herausspringen soll: Dazu können Fabriken, Arbeiter, Telefonnetze, Schiffe und vieles andere dienen. Unter dem Titel „Shareholder Value“ ist diese herrschende Meinung in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland überaus populär geworden.

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