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Pandemie : Südasien wappnet sich für die Corona-Welle

Das Gateway of India in Mumbai Bild: dpa

Wissenschaftler befürchten Hunderte Millionen Ansteckungen. Die Regierungen verordnen Ausgangssperren, für die die Armen die Rechnung zahlen. Und selbst die Taliban suchen den Rat der WHO.

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          Nun hat auch die indische Regierung ihr Land in ein künstliches Koma versetzt. Für die nächsten drei Wochen dürfen gut 1,3 Milliarden Inder ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr verlassen. „Schaffen wir die nächsten 21 Tage nicht, werden wir um 21 Jahre zurückgeworfen“, warnte Indiens mächtiger Ministerpräsident Narendra Modi. „Vergessen Sie für die nächsten 21 Tage, was es heißt, sein Haus zu verlassen.“ Was auch immer passiert, müssten die Menschen zuhause bleiben. „Jeder Bezirk, jede Gasse, jedes Dorf wird geschlossen.“ Ganz nebenbei wurden damit auch die Proteste gegen die Zuwanderungspolitik der Regierung untersagt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Am Tag zuvor hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein wesentlich härteres Vorgehen Indiens gegen das Coronavirus gefordert. Ashish Jha, Direktor des Institutes für Globale Gesundheit in Harvard, warnte in amerikanischen Medien eindringlich: Er fürchtet, 40 Prozent der Inder oder mehr als 400 Millionen Menschen könnten sich mit Corona anstecken. Das bedeutete, dass 70 Millionen Menschen Pflege in Krankenhäusern brauchten, von ihnen bis zu 20 Millionen Intensivpflege – kein Gesundheitssystem der Welt könnte mit solchen Zahlen umgehen. In den nächsten Tagen will die Modi-Regierung ein Paket zur Förderung der Wirtschaft vorlegen.

          Jeder Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Einkommen

          Modi erklärte in seiner zweiten Ansprache innerhalb von fünf Tagen nicht, wie Hunderte Millionen Armen unter diesen Bedingungen überleben sollen. Die Internationale Arbeitsorganisation weist darauf hin, dass in Indien 80,9 Prozent der Arbeiter im informellen Sektor beschäftigt seien – ohne Verträge, Lohnfortzahlung oder Versicherung. In Nepal liegt der Wert bei offiziell 90,7 Prozent, in Pakistan bei 77,6 Prozent. Jeder Tag ohne Arbeit ist für sie ein Tag ohne Einkommen – eine Woche, ein Monat gar, ohne das Haus zu verlassen, sind kaum durchzustehen. Oppositionsführerin Sonia Gandhi mahnte Modi in einem Brief, insbesondere Migranten und Bauarbeitern Notlöhne auszuzahlen. Die vier Ministerpräsidenten der vom Kongress gehaltenen Bundesstaaten wies sie an, Sozialfonds zu nutzen, um Tagelöhner zu unterstützen.

          Allerdings hatte der Chef der staatlichen Nahrungsmittelfürsorge Food Corporation India (FCI) zuvor erklärt, die indischen Speicher platzten fast dank der guten Ernte. „Ende April werden wir  mehr als 100 Millionen Tonnen in den Lagern über ganz Indien haben, wobei nur 50 bis 60 Millionen Tonnen für die verschiedenen Fürsorgeprogramme für die Armen gebraucht werden“, sagte D.V. Prasad mit Blick auf die Versorgung mit Getreide. „Es gibt absolut keinen Anlass zur Sorge mit Blick auf Reis oder Weizen in Indien.“ Auch hat Indien nach dem Exportstopp für einige Medikamente und Grundstoffe nun auch die Ausfuhr von Desinfektionsmitteln, Sauerstoffgeräten und Ventilatoren verboten, um die eigene Bevölkerung versorgen zu können. Zugleich will die Regierung mit umgerechnet 1,3 Milliarden Dollar die heimische Pharmaproduktion stützen, um deren Abhängigkeit von China zu verringern.

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          Wissenschaftler streiten, ob sich Indien nun schon in der zweiten oder der dritten Phase der Verbreitung der Seuche befinde. Jha geht davon aus, Indien zählte schon zwischen 5000 und 10.000 Ansteckungsfälle – das zehn bis zwanzigfache der offiziellen Angaben. Die meisten blieben wegen eines Mangels an Tests unentdeckt. Verdoppele sich die Zahl wie in anderen Ländern alle fünf Tage, seien Indien und seine südasiatischen Nachbarländer weniger als einen Monat entfernt von einer Lage, die aufgrund der Millionen von Kranken und Toten nicht mehr zu beherrschen sei. Am Dienstag zählte Indien offiziell 519 Fälle, Pakistan 958 und Sri Lanka 102.

          Auch in Nepal verhängte die Regierung eine Ausgehsperre, allerdings nur bis Ende des Monats. Menschen dürfen nur noch vor die Tür, um Medizin und Lebensmittel zu kaufen. In Sri Lanka herrscht ebenfalls eine Sperre. Die neue, China-nahe Regierung hat einen Überbrückungskredit aus Peking im Volumen von 500 Millionen Dollar akzeptiert. In ganz Asien versucht China derzeit zu helfen. Sein Ruf hat gerade in Südasien massiv gelitten, da Peking unterstellt wird, die globale Katastrophe erst ausgelöst zu haben, weil es die Seuche zu lange verheimlicht habe. In Pakistan überwacht das Militär die Einschränkungen im öffentlichen Leben. Selbst die afghanischen Taliban, internationalen Organisationen gegenüber mehr als skeptisch, wollen nun mit der WHO kooperieren. Offiziell zählt Afghanistan 74 Corona-Fälle.

          Insbesondere die Armen bezahlen nun die Rechnung dafür, dass ihre Regierungen über Jahrzehnte den Gesundheitsschutz und die Sozialsysteme vernachlässigt haben. Bangladesch, Pakistan und Indien geben offiziell nur 2,4 Prozent, 2,8 Prozent und 3,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Gesundheit ihrer Bürger aus. Zum Vergleich: Das unter der Krankheit ächzende Italien leistet sich Ausgaben von 8,9 Prozent.

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