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Interview zur Pandemie : „Besser Alte und Kranke als gesamte Bevölkerung isolieren“

Ältere Menschen sind von der Pandemie besonders gefährdet. Bild: epd

Der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner erklärt, warum großflächige Ausgangsverbote keine Dauerlösung sind – und wieso das die Wirtschaft ein Jahrzehnt lang in Mitleidenschaft ziehen könnte.

          3 Min.

          Herr Greiner, die Republik debattiert über 1,5-Meter-Mindestabstand, Schließungen und Ausgangssperren. Fällt uns wirklich nichts anders ein, um das Coronavirus zu bekämpfen?

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war es wie heute notwendig, mit einem maximalen Aufwand eine gesundheitliche Bedrohung der Bevölkerung abzuwenden. Aufgrund der Erfahrungen in Norditalien und in China wurde in ganz Europa auf eine Strategie der sozialen Distanzierung, Social Distancing, gesetzt. Das ist in der aktuellen Situation absolut notwendig.

          Aber mit hohen Folgekosten für die Volkswirtschaft?

          Ja, so etwa haben wir noch nie gesehen. Eine Rezession wird mit großer Wahrscheinlichkeit folgen, Strukturen wie zum Beispiel im Handel, den Hotels und dem Gastronomiebereich werden sich nachhaltig verändern. Denn viele Betriebe werden eine solche lange Phase gravierender Einschnitte finanziell nicht überstehen. Daran werden auch Steuerstundungen und Kreditzusagen, die jetzt von der Bundesregierung angedacht werden, nicht viel ändern. In der Industrie wird es ebenfalls bedeutsame Auswirkungen geben, da der Krankenstand hoch sein wird und es vor allem wegen der Unsicherheiten bei den Verbrauchern für absehbare Zeit zu Nachfrageausfällen kommen wird.

          Kann man die Auswirkungen irgendwie beziffern?

          Über die Tiefe des wirtschaftlichen Einschnitts gibt es noch keine Klarheit. Das hängt wesentlich davon ab, wie lange die derzeitigen Beschränkungen gelten oder wie lange sie zur Sicherung der Versorgung ernsthaft Erkrankter notwendig sind. Bislang ist allerdings völlig unklar, welche Strategie danach bis zum Vorliegen einer Impfung gegen das Virus verfolgt werden soll.

          Wolfgang Greiner ist Vize-Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

          Die Politik kümmert sich derzeit erst einmal mal um die akute Krisenabwehr.

          Das ist der Politik auch nicht vorzuwerfen. Jetzt geht es um die Abwehr einer konkreten Gefahr für die Funktionsfähigkeit insbesondere der Krankenhäuser und damit um die Rettung von bald akut gefährdeten Menschenleben. Aber schon Ende April wird sich die Frage stellen, nach welchen Kriterien entschieden werden soll, ob und in welcher Form die derzeitigen Einschränkungen fortgesetzt werden sollen.

          Also fortgesetzte Schließung von Schulen, Universitäten, Geschäften und Fabriken, regionale Ausgangsbeschränkungen…

          Das alles ist natürlich von der jeweiligen Situation in den Krankenhäusern und dem Verlauf der Erkrankung abhängig. Wünschenswert wären aber Zielzahlen, nach denen systematisch entschieden werden könnte, welche Zahl an Neuerkrankungen und intensiv behandelten Patienten noch verkraftbar sind.

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          Sie wollen Schulschließungen oder Ausgangsbeschränkungen von der Infektionslage in der jeweiligen Region abhängig machen?

          Wir müssen ja davon ausgehen, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung sowieso nach und nach infizieren wird, was dann irgendwann zu einer sogenannten Herden-Immunität führt. Insofern sollte auf Dauer eine möglichst niedrige Neu-Ansteckungsrate gar nicht unbedingt das Ziel sein. Wir sollten hier eine Balance schaffen, zwischen den Kapazitäten des Gesundheitswesens einerseits und der Notwendigkeit, in nicht allzu ferner Zeit eine ausreichende Herden-Immunität zu erreichen. Das wird eine große Herausforderung. Nicht akzeptabel wäre, wenn sich die Bundesländer jetzt einen Wettbewerb darum liefern würden, wer die einschneidendsten Beschränkungen sozialer Kontakte durchsetzt, um als besonders kraftvoller Krisenmanager zu gelten.

          Wozu raten Sie?

          Wir werden uns wohl in den nächsten Monaten auf Social Distancing einstellen müssen. Dabei wird es in Europa unterschiedlichen Ansätze geben. Wir können davon lernen, was überhaupt wirksam und praktisch durchsetzbar ist und ob man solche Beschränkungen sinnvoll dosieren kann. Ich halte viel von dem Vorschlag, statt der gesamten Bevölkerung gezielt besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu isolieren, insbesondere Ältere und Vorerkrankte. Denkbar wäre eine Ausgangssperre für Personen über 70 Jahre.

          Letztlich käme es auch dabei darauf an, dass die Leute mitmachen und sich an die Regel halten.

          Niemand weiß, ob das auf Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen wird und betroffene Personen sich im privaten Umfeld an die Separierungs-Vorgaben halten würden. Entscheidend wäre, eine soziale Unterstützung zu organisieren, die über die Versorgung mit Arznei- und Lebensmitteln hinausgeht, die man sinnvoll nachbarschaftlich organisieren könnte.

          Viele hoffen ja, dass die Krise in wenigen Monaten Geschichte ist und es zu einer schnellen auch wirtschaftlichen Erholung kommt. Teilen Sie die Erwartung?

          Die Frage, wie die aktuelle Krise im verbleibenden Jahr 2020 bewältigt werden kann, reicht über das aktuelle Jahr weit hinaus. Insbesondere die volkswirtschaftlichen Auswirkungen eines lange andauernden strikten Social Distancing können im Extrem ein Jahrzehnt lang die wirtschaftliche Entwicklung stark einschränken. Das ist aber nur ein Argument, und zwar das schwächere, warum der Zeitpunkt nicht zu weit aufgeschoben werden darf, bis soziale Kontakte in Maßen wieder zugelassen werden. Das wichtigere Argument ist, dass in Ermangelung einer Impfung auch der vorsichtige Aufbau einer Herdenimmunität dabei helfen muss, die Krise zu überwinden. Dazu bedarf es einer sinnvollen Steuerung und Dosierung bei der Krisenbewältigung.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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