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Coronavirus : Modische Handschuhe als Virenschutz

Handschuhe von Roeckl: Das Unternehmen erlebt zurzeit durch den Coronavirus unerwartete Absätze. Bild: Daniel Vogl

Normalerweise lebt Anette Roeckls Handschuh-Geschäft von den kalten Wintermonaten. Nachdem diese zuletzt ausbleiben, sorgt nun das Coronavirus für plötzliche und sprunghafte Absätze.

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          Schon Anfang Dezember hatte Annette Roeckl mit Blick auf eine aufziehende Grippewelle via Pressemitteilung auf Infektionsrisiken hingewiesen, um im zweiten – gewissermaßen werblichen – Teil für das Anziehen von Handschuhen zu werben; vorzugsweise aus der Handfertigung von Roeckl. Zweieinhalb Monate später soll sich zeigen, wie wertvoll derlei Hinweise sein können. Die geschäftsführende Inhaberin erlebt wegen des Coronavirus rege Nachfrage. „Seit etwa zwei Wochen beobachten wir ein starkes Interesse und werden mit Anfragen überhäuft“, sagt sie. „Die Verkäufe sind in dieser Zeit um rund 10 Prozent gestiegen, insbesondere auf dem Online-Portal, aber auch in unseren Boutiquen.“

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Die Folgen der Lungenkrankheit könnte sogar über die geschätzte Zuwachsrate von einem Zehntel noch hinausgehen, hätte Roeckl doch sonst womöglich deutliche Rückgänge verzeichnen müssen. Denn: „Das milde Wetter hat eher dämpfende Wirkung gehabt, von Winter kann schließlich keine Rede sein“, spielt sie auf Spuren des Klimawandels an. „Im Januar, sonst unser drittstärkster Umsatzmonat, hatten wir ganz schön zu knabbern.“ Es gebe keine eindeutigen Jahreszeiten mehr, die zu Impulskäufen führten. Davon aber ist der Hersteller von Leder- und Strickhandschuhen, von Schals, Tüchern, Handtaschen, Hüten, Mützen oder Geldbörsen aber abhängig.

          Kein medizinischer Schutz, doch Risikoverminderung

          Handschuhe würden ja nicht nur vor Kälte schützen, sagt die Roeckl-Chefin. Neben der Wärme hätte das Accessoire auch eine schützende Abwehrfunktion gegenüber der Übertragung von Viren. Erreger, die über Türklinken, Haltegriffe von Bussen oder an Rolltreppen aufgenommen werden können, gelangten so nicht direkt an die Hände. So hat die University of Bristol einen direkten Zusammenhang zwischen öffentlichem Nahverkehr und einem erhöhten Ansteckungsrisiko ermittelt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: „Handschuhe bieten sicherlich keinen medizinischen Schutz, aber sie sind ein probates Mittel, das Übertragungsrisiko von Viren deutlich zu vermindern“, betont Roeckl.

          Dabei ist die Erkenntnis unabhängig von Corona- und Grippeviren strenggenommen nicht neu. Schon im 18. Jahrhundert schrieb die soziale Etikette Frauen vor, das Haus nie ohne Handschuhe und der Tageszeit entsprechend angepasst in ihrer Erscheinung zu verlassen. Von den Modevorschriften abgesehen, wurde damals schon damit geworben, dass die Handkleider vor ansteckenden Krankheiten schützen würden.

          Damit hat das schwierige, stark von Wetter und Saison abhängige Geschäft für die Inhaberin in den vergangenen Tagen einen überraschenden Auftrieb erhalten. Im Jahr verkauft Roeckl Handschuhe&Accessoires mit ihren rund 300 Mitarbeitern und knapp 20 Millionen Euro Jahresumsatz etwa 80.000 Paare Leder- und 35.000 Strickhandschuhe. Sie werden alle handgefertigt, zum größten Teil in zwei eigenen Manufakturen, aber auch im kleineren Umfang von einem Partner in Indien.

          Das Unternehmen aus München musste leidvoll erleben, wie sehr das Geschäft wegen des Überangebots, des Vordringens von Textilketten wie Hennes&Mauritz oder Zara und sogar von Aldi sowie Lidl unter einem enormen Preisdruck geraten ist. Im Frühjahr 2017 meldete Roeckl Insolvenz in Eigenverwaltung an, die nach sechs Wochen aber beendet war. Familienmitglieder halfen mit Finanzspritzen aus. „Roeckl steht mittlerweile wieder wirtschaftlich auf einem soliden Fundament“, sagt die Eigentümerin. „Aus dem Gröbsten sind wir raus, und wir können in die Zukunft planen.“ Dabei gibt es keine Verbindung zum gleichnamigen Unternehmen Roeckl Sporthandschuhe, das den sportlichen Bereich abdeckt und von Christian Roeckl geführt wird, dem Vetter von Annette Roeckl. Beide Unternehmen gingen 2003 aus einer Teilung der Roeckl-Gruppe hervor.

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