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Corona-Krise : Von wegen Hyperinflation

Die Ölpreise fallen. Bild: dpa

Warnungen vor hohen Preissteigerungen sind in der Krise populär. Doch tatsächlich drückt das historisch billige Öl die Preise. Bleibt das so?

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          Der Ölpreis an den Weltmärkten ist zum Wochenbeginn trotz aller Bemühungen der Ölstaaten noch einmal deutlich gefallen – und dürfte damit die Inflation auch in Deutschland weiter niedrig halten. Das Ölkartell schafft es offenkundig nicht, wie von den Produktionsländern gewünscht den Preis hochzutreiben. Am Montagmorgen gab der Preis der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) zeitweise um mehr als 20 Prozent bis auf 13,30 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) nach, den niedrigsten Stand seit etwa 21 Jahren. Bereits in der Vorwoche war der Preis um fast 20 Prozent gefallen, seit Jahresbeginn sind es nahezu 75 Prozent. Als Grund wurde an den Ölmärkten vor allem die schwache Ölnachfrage in aller Welt durch die Corona-Krise genannt. Die Lagerbestände in Amerika stiegen rasch, berichteten Analysten. Ein nachhaltiger Ölpreisanstieg sei erst zu erwarten, wenn sich die Anzeichen verdichteten, dass die Konjunktur in aller Welt wieder in Fahrt komme.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Ölpreisrutsch dürfte sich auch auf die Inflationsrate auswirken. In Deutschland hatte es zuletzt von verschiedener Seite Befürchtungen gegeben, die Inflation könnte durch die Krise steigen, weil Staaten und Notenbanken gewaltige Rettungspakete auflegten. Im Augenblick ist aber offenkundig das Gegenteil zu beobachten. Dabei spielt das Öl eine wichtige Rolle. Wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte, sind die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte im März weiter gefallen. Sie lagen 0,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Noch im Februar hatte dieser Rückgang lediglich 0,1 Prozent betragen. Verantwortlich sei vor allem die billige Energie. Derer Preis sank dem Amt zufolge um 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

          Schuldenbombe oder Panikmache?

          Ähnlich dürfte auch bei den Verbraucherpreisen, der eigentlichen Inflationsrate, das billige Öl die höheren Preise für manche Nahrungsmittel in der Corona-Krise mehr als ausgleichen. Und das, obwohl die Mineralölkonzerne den Ölpreisrutsch nur zum Teil und nur mit Verzögerungen an die Autofahrer in Deutschland weitergegeben haben, wie das Forschungsinstitut RWI in einer Studie zeigt: Gerade Diesel-Kraftstoff sei an der Tankstelle lange Zeit nicht so viel billiger geworden, wie es der Preisrutsch beim Rohöl nahelege, meint das Forschungsinstitut.

          Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, hat einmal überschlagen, wie viel das billigere Öl für die hiesige Inflation ausmacht. Er kommt zu dem Ergebnis: „Nachdem die Inflation im März bei nur 1,4 Prozent lag, könnte sie im April auf nur 0,3 Prozent fallen.“ Daran dürfte sich nach seiner Einschätzung auch dadurch nichts ändern, dass die ersten Geschäfte wieder öffneten und die Menschen wieder mehr Waren nachfragten. Denn die Unternehmen wüssten, dass die Löhne wegen der hohen Kurzarbeit in diesem Jahr kaum steigen werden, meint Krämer. „Auf mittlere Sicht senkt Corona die Inflation, obwohl die Geldmengen recht stark steigen dürften.“

          Die Warnung vor höherer Inflation ist gerade populär. Nicht nur der frühere Dresdner-Bank-Vorstand Leonhard Fischer hatte sie ausgesprochen. Die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ hatte vor allem auf die stark steigenden Schuldenstände in aller Welt hingewiesen, es entstehe eine regelrechte „Schuldenbombe“. Der frühere Kölner Wirtschaftsprofessor Carl Christian von Weizsäcker warnte in einer Entgegnung vor „Panikmache“: „Ich will nicht ausschließen, dass wir irgendwann in Zukunft Inflation erleben werden – aber gegenwärtig ist davon nichts zu sehen.“

          Die Fondsgesellschaft Natixis kommt am Montag in einer Analyse gleichfalls zu dem Ergebnis, Inflationsängste seien im Moment unbegründet. Die Geldmenge steige zwar, aber die Umlaufgeschwindigkeit sinke im Gegenzug: „Die Konsum- und Investitionslaune wird lange gedämpft bleiben.“ Die Bundesbank stellt in ihrem Monatsbericht für April immerhin heraus, sie sehe keine „sich selbst verstärkende Abwärtsspirale“ für die deutsche Wirtschaft. Generelle Inflationsgefahren seien in Europa wegen der tiefen Rezession gering, meint auch der Bonner Makroökonom Moritz Schularick. „Die Deflationsgefahren in einem solchen Umfeld sind weit größer, das wissen wir aus der Geschichte.“ Die Ausweitung der Staatsverschuldung sei zu gering, um dem entgegenzuwirken, meint der Ökonom. Das bedeute aber nicht, dass es nicht für einzelne Güter – Atemmasken und andere – Preissteigerungen gebe.

          „Die Corona-Krise sorgt jetzt erst mal für einen Rückgang der Inflation“, glaubt auch Volker Wieland, Mitglied im Wirtschafts-Sachverständigenrat. Der Anstieg von Preisen in einzelnen Bereichen wie Schutzkleidung oder Nahrungsmitteln werde nicht ausreichen, um den „Disinflationsdruck“ auszugleichen. Mittel- bis langfristig stelle sich dann die Frage, wie die Staaten aus der hohen Verschuldung wieder herauskämen: Eine längerfristige Entschuldung über Negativzinsen und hohe Inflationsraten müsse vermieden werden.

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