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Folge des Coronavirus : Die „Apotheke der Welt“ schließt ihre Türen

Indien ist der wichtigste Generika-Hersteller der Welt. Bild: dpa

Indien ist der wichtigste Generikahersteller der Welt, China liefert dafür die Grundstoffe. Weil die nicht mehr ankommen, verhängen die Inder einen Ausfuhrbann – zum Beispiel auf Paracetamol.

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          Die Sorge um Lieferketten hat einen zentralen Bereich des Kampfes gegen das Coronavirus erreicht: Aus Furcht vor den Folgen der Infektion hat Indien den Export bestimmter Medikamente und Inhaltsstoffe untersagt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der führende Hersteller von Nachahmer-Medikamenten auf der ganzen Welt hat die Ausfuhr von 26 Stoffen und den aus ihnen produzierten Medikamenten unterbrochen. Darunter ist auch Paracetamol, eines der meistgenutzten Schmerzmittel. Die gesamte Liste umfasst rund ein Zehntel des indischen Pharma-Exports. Die Analysten von Oxford Economics warnen, dass schon jetzt Preissteigerungen im Markt zu spüren seien.

          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüfe derzeit mögliche Versorgungsengpässe aufgrund der Entscheidung der Inder, erklärte deren Logistik-Chef Paul Molinaro in Genf: „Noch ist das Ganze nicht so restriktiv wie bei der Ausstattung für den persönlichen Schutz, aber natürlich gibt es die Angst, dass die Folgeeffekte zu einer Unterversorgung mit diesen Medikamenten führen wird.“

          Auch Amerika betroffen

          Die Kunden der Inder im Westen seien nun in größter Sorge, sagte ein führender Vertreter der indische Pharma-Industrie. „Ich bekomme jede Menge Anrufe aus Europa, weil es sehr abhängig von indischen Rezepten ist und wir fast 26 Prozent des europäischen Generika-Marktes kontrollieren. Deshalb sind sie in Panik“, sagte Dinesh Das, der Vorsitzende des Rates für die Förderung des Pharmaexports Indiens (Pharmexcil) unter dem Dach des Handelsministeriums.

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          Zu seinen Mitgliedern zählen Weltkonzerne wie Pfizer oder Abbott. Der Verband warnte, der Ausfuhrbann könne den Ruf Indiens als „Apotheke der Welt“ schädigen. Es würden auch gepackte Lieferungen im Wert von rund 10 Millionen Dollar aufgehalten worden, die in Häfen liegen. Der Verband plädiert dafür, wenige Lieferungen außer Landes zu lassen, die schon für den Export vorbereitet waren, als das Verbot erlassen wurde.

          Vor der Entscheidung der Inder hatten mehrere Hersteller in China geschlossen, oder er ihren Ausstoß verringern müssen. China und Indien sind mit Blick auf die pharmazeutische Industrie eng vernetzt: Rund 70 Prozent der Inhaltsstoffe, die Indiens Generika-Hersteller nutzen, stammen aus China.

          Auch durch die Einschränkung der Arbeit dort konnten indische Produzenten ihren Ausstoß nicht mehr garantieren. Denn allein 13 der nun unter Ausfuhr-Bann gestellten Stoffe werden in normalen Zeiten aus Fabriken in der chinesischen Virus-Provinz Hubei geliefert. Aus der Sitzung der Außenhandelsbehörde Indiens, die den Bann verordnete, wurde berichtet, die Pharmaindustrie habe ursprünglich eine Liste von 58 Medikamenten und Inhaltsstoffen erstellt, in deren Produktion die Inder von chinesischen Lieferungen abhängig seien. Aus ihr habe man dann jene ausgewählt, die aus Hubei stammten.

          Bis auf weiteres werden nun unter anderem die Antibiotika Tinidazole und Erythromycin, das Hormon Progesterone und die Vitamine B1, B6 und B12 nicht mehr exportiert. Besonders betroffen scheint Amerika, dessen Gesundheitswesen stark von den indischen Lieferungen abhängt. Im vorvergangenen Jahr standen die Lieferungen aus Indien für rund ein Viertel aller Medikamente in den Vereinigten Staaten und fast ein Drittel aller Inhaltsstoffe.

          In Europa fordern führende Politiker, grundsätzlich auf dieses Problem zu reagieren. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus etwa drängt darauf, dass wichtige Produkte auch aus der Medizin wieder in Europa hergestellt werden. „Wir merken es momentan im Bereich Medikamente, dass viele Grundstoffe für Medikamente aus Asien kommen mit den entsprechenden Lieferengpässen. Da sollten wir dringend darüber reden, dass wir uns breiter aufstellen“, sagte der CDU-Politiker: „Wir müssen schauen, dass wir nicht von einer Region in dieser Welt abhängig sind.“

          Die amerikanische Verwaltung für Nahrungsmittel und Medikamente (FDA) bemüht sich derzeit, die Folgen des Ausfuhrstopps zu erfassen. Pharma-Konzerne wie Eli Lilly oder Mylan prüfen ihre Abhängigkeit: Während Mylan vor Engpässen warnte, erklärte Eli Lilly, man erwarte keine Lieferschwierigkeiten durch das Coronavirus.

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