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Corona-Krise und Südasien : Singapur gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommt

Wählt drastische Worte für die aktuelle Situation: Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong. Bild: Reuters

Der Handels- und Finanzplatz erschreckt die Analysten mit dem drastischen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität. Für den Stadtstaat ist es die schlimmste Krise seit der Gründung vor 55 Jahren.

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          Singapur, das unter allen Ländern die größte wirtschaftliche Freiheit bietet, spürt das Herunterfahren der Globalisierung massiv. Der südostasiatische Stadtstaat bereitet sich auf die schlimmste Wirtschaftskrise seiner 55 jährigen Geschichte vor.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Die Wellen werden viele, viele Monate und vielleicht mehr als ein oder zwei Jahre brauchen“, warnte Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong am Freitag. „Dies ist keine V-förmige Krise, keine U-förmige. Dies ist einfach abwärts gegangen. Wenn wir Glück haben, können wir es so auf einer niedrigeren Ebene ein ganze Weile machen. Haben wir kein Glück, geht es weiter abwärts und einige Bereiche werden riesige Schwierigkeiten haben, dies überhaupt zu überstehen“, sagte Lee in auch für ihn ungewöhnlich ernsten Bemerkungen.

          Singapur ist eines der ersten Länder, dass nach dem Überspringen des Corona-Virus aus China nun Konjunkturdaten vorlegt – und sie fallen noch viel schlechter aus, als von Ökonomen befürchtet. Analysten sehen dies als Maßstab für das, was anderen Volkswirtschaften nun drohe.

          Schlimmste Wirtschaftskrise in Südasien

          „Wir stehen vor dem schlimmsten wirtschaftlichen Einbruch seit unserer Unabhängigkeit“, sagte Finanzminister Heng Swee Keat bei der Vorlage neuer Hilfspakete. Zusammengerechnet bietet der reiche Kleinstaat mit insgesamt 54,8 Milliarden Singapur Dollar (34,7 Milliarden Euro) nun rund 11 Prozent seiner Wirtschaftsleistung auf, um die wirtschaftlichen Corona-Folgen für die Menschen zu mindern. Das geht so weit, dass auch der Kunstsektor – Kunst und die freie Rede werden in Singapur zensiert – mit 55 Millionen Singapur Dollar unterstützt wird, weil Theatergruppen oder Ausstellungsmacher sonst ohne Einnahmen dastünden. Lee warnte davor, dass „vielleicht Hundertausende“ in der Stadt der knapp sechs Millionen Einwohner arbeitslos würden.

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          Im ersten Quartal schrumpfte Singapurs Volkswirtschaft der staatlichen Schätzung zufolge um 2,2 Prozent. Im Vergleich zum Vorquartal dürfte der Rückgang 10,6 Prozent betragen haben. Die Stadt ist ein Handels- und Finanzplatz, für den auch Geschäftsreisen und Tourismus eine große Rolle spielen. Analysten hatten mit einem Rückgang von 6 Prozent gerechnet. „Die Wirtschaft ist in völlig unbekanntem Terrain, und dies dürfte die schlimmste Rezession aller Zeiten für Singapur werden. Nie zuvor waren die Fundamente der Volkswirtschaft so gefährdet. Im Vergleich zu früheren Verlangsamungen, die vor allem von außen an Singapur herangetragen worden waren und durch negative Einstellungen getrieben wurden, besitzt diese Krise eine höhere Komplexität, weil die ökonomischen Aktivitäten rund um die Welt durch die Einschränkungsmaßnamen zur Eindämmung der Pandemie ernsthaft unterbrochen wurden“, sagt Irvin Seah, Chefvolkswirt der DBS Group Bank.

          Er rechnet mit einem Schrumpfen der Wirtschaft in diesem Jahr von fast 3 Prozent, stärker als während der Asien- und der globalen Finanzkrise. Das Handelsministerium erwartet einen Rückgang zwischen minus 4 und minus einem Prozent für 2020. Von Januar auf Februar sank der Ausstoß der Industrie um 23 Prozent, der schlimmste Wert seit Beginn der Erhebungen 1983.

          Lohnsubvention für Arbeitgeber

          Eine der Schlüsselinitiativen zur Hilfe deckt ein Viertel der Monatslöhne der Weiterbeschäftigten bis zur Spitze von 4600 Singapur Dollar über neun Monate ab. Die Lohnsubvention soll Arbeitgebern ermöglichen, ihre Leute zu behalten. Wer entlassen wurde, bekommt staatliche Unterstützung, genauso wie Initiativen zur Weiterbildung für Arbeitslose gegründet wurden.

          Auch Selbstständigen ist ein eigener Fonds gewidmet. Kommerziellen Immobilienkonzernen, oft in Händen des Staates, wird die Steuer erlassen. Firmen, die ihre Kredite nicht zahlen können, stellt der Staat Überbrückungsgelder zur Verfügung. Ihr Cash-flow wird mit bis zu einer Million Singapur Dollar besichert. Selbst Taxifahrer werden mit 300 Singapur Dollar pro Monat für jeden Wagen unterstützt.

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