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Nach der Corona-Krise : Chinesischer Kaltstart

Ein Tesla-Mitarbeiter vor der Gigafactory des Elektroauto-Herstellers in Schanghai, China Bild: Reuters

Nach offizieller Lesart arbeiten viele Menschen in der Volksrepublik trotz Corona wieder. Manch ein Unternehmen – etwa Tesla – greift dabei in die Trickkiste. Wie verlässlich sind also die Zahlen?

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          Als in China Kunden des Autoherstellers Tesla in der vergangenen Woche trotz der Corona-Krise ihre neuen Model-3-Fahrzeuge geliefert bekamen, waren sie voller Dankbarkeit. Schließlich hat die vom Staat breitflächig verordnete Quarantäne die gigantische Wirtschaft des Landes wochenlang lahmgelegt. Während in den meisten chinesischen Werken des deutschen Autoherstellers Volkswagen die Bänder weiter still standen, hatte die Schanghaier Fabrik des amerikanischen Herstellers Tesla als einer der ganz wenigen Industriebetriebe die Produktion frühzeitig wieder aufgenommen. Was dabei nicht passte, so zeigte sich hinterher, wurde offensichtlich passend gemacht.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In ihren brandneuen Elektrofahrzeugen zum Listenpreis von rund 300.000 Yuan (39.000 Euro), stellte ein Kunde nach dem anderen fest, war nicht Teslas viel beworbener Autopilot HW3.0 eingebaut, der auch Straßenschilder und Ampeln erkennt. Die ausgelieferten Fahrzeuge enthielten den alten Fahrassistenzcomputer HW2.5, der eben vieles von seinem Nachfolger nicht kann. Weil Chinas Wirtschaft in weiten Teilen stillgestanden habe, hätten „Probleme in der Lieferkette“ zum Einbau der veralteten Technik geführt, die natürlich kostenlos ausgetauscht werde, musste sich Tesla öffentlich entschuldigen – und machte auf unfreiwillige Art überdeutlich, wie schwer in China die Rückkehr zum Normalzustand ist.

          Folgt man den offiziellen Zahlen, kommt der Wirtschaftstanker China nach seiner Vollbremsung im Februar wieder ordentlich in Gang. In der Provinz Guangdong, dem Zentrum der chinesischen Exportindustrie und einem wichtigen Standort für Internetunternehmen, würden Stand Montag über 91 Prozent aller Unternehmen wieder normal arbeiten, teilte die Lokalregierung mit. Mitte Februar habe diese Zahl bei weniger als der Hälfte dessen gelegen. Das Industrieministerium in Peking teilte am Dienstag mit, von den 16 größten Autoherstellern im Land hätten 84 Prozent ihre Produktion wieder gestartet. Die Belegschaften in den Werken sei wieder zu zwei Drittel bei der Arbeit. Über alle Industriebereiche hinweg hätten 70 Prozent der großen Unternehmen den Betrieb wieder aufgenommen.

          Ein gutes hat die Krise

          Die Frage, ob und wie schnell Chinas Wirtschaft wieder in Fahrt kommt, ist entscheidend für die ganze Welt. Sollten die Unternehmen in China im ersten Quartal nicht mehr Waren und Dienstleistungen als im Vorjahreszeitraum hergestellt haben, könnte die Weltwirtschaft im Laufe des Jahres einen Schock erleiden, sollte Chinas Wirtschaft den Einbruch nicht wettmachen können, fürchten Ökonomen. In China selbst geht es für die Staatsführung um nicht weniger als ihren Machterhalt. Die Wirtschaft dürfe „nicht lange“ stillstehen, befahl Präsident Xi Jinping vergangene Woche. Man müsse das Virus zwar bekämpfen. Dennoch müssten in weiten Teilen des Landes wieder alle zur Arbeit.

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          Dieser Widerspruch hat manchen Regierungskader offenbar zum Fälschen der Statistik verleitet. Weil der Status der lokalen Wirtschaft vielerorts am Stromverbrauch gemessen wird, werden immer mehr Fälle von Unternehmen bekannt, in denen zwar keine Arbeiter sind und keine Waren produziert werden, die Maschinen aber trotzdem laufen – um Aktivität vorzugaukeln. Daten der singapurischen Bank DBS zeichnen ein anderes Bild: Die Produktion von Kokereien im ganzen Land liegt immer noch weit unter dem Niveau vor der Krise. Besonders im Osten und Südwesten des Landes hat die Auslastung noch nicht mal zwei Drittel des vorherigen Ausmaßes wieder erreicht.

          Der Kohleverbrauch der sechs größten Kraftwerke im Land liegt ebenfalls weit unter dem Wert vor einem Jahr. In wichtige Wirtschaftsstandorte wie den Provinzen Jiangsu, Zhejiang und Shandong sind immer noch nur ein Drittel der früher dort beschäftigten Wanderarbeiter zurückgekehrt, während es in der exportorientierten Provinz Guangdong auch nur 45 Prozent des früheren Ausmaßes sind.

          Der Pekinger Flughafen: verwaist. In Schanghai sind die Straßen etwas voller als zu den Hochzeiten der Quarantäne. Doch dass der Einkaufsmanagerindex im Dienstleistungsgewerbe, den das Magazin „Caixin“ erhebt, im Februar mit einem Wert von 26,5 (Januar: 51,8) katastrophal ausgefallen ist, vermag niemanden zu überraschen – die Restaurants sind weiterhin leer. Wer nicht von der heimischen Wohnung aus arbeitet, kehrt in diese nach Feierabend meist schnurstracks zurück. Ein gutes allerdings hat die Krise: Die Luftverschmutzung, zeigen Fotos der amerikanischen Weltraumagentur Nasa, ist in China während der Massenquarantäne dramatisch zurückgegangen – was zumindest „zum Teil“ dem Coronavirus gutgeschrieben werden müsse.

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