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Coronavirus in Amerika : Wenn das mal gut geht

Trump während seiner Pressekonferenz im Weißen Haus zum Coronavirus. Bild: dpa

Das Coronavirus stellt Amerikas Gesundheitssystem auf eine schwere Probe. Testkits taugen nichts – und viele Amerikaner können sie sich ohnehin nicht leisten.

          3 Min.

          Gehen die Vereinigten Staaten zu sorglos mit dem Coronavirus um? Einige Indizien sprechen dafür, dass das Land trotz der Beteuerungen des Präsidenten Donald Trumps nicht gut vorbereitet ist auf die Epidemie, die sich mit großer Geschwindigkeit ausbreiten kann.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Zeitungen zitieren einen Whistleblower, demzufolge der amerikanische Heimatschutz untrainiertes Personal nach Kalifornien geschickt hat, um mit infizierten Patienten umzugehen. Diese hatte sich auf einer Kreuzfahrt angesteckt, waren zurückgeholt  und auf einem Luftwaffenstützpunkt unter Quarantäne gestellt worden.  

          Das Personal trug den Angaben zufolge keinen besonderen Schutz und wurde nach dem Umgang mit den Infizierten nicht getestet. Nun ist in der Nähe des Militärstützpunktes eine Frau positiv auf das Virus getestet worden, die weder Risikoländer besucht noch Kontakt mit Leuten hatte, die dort waren – das ist ein Hinweis, dass das Virus dort schon lokal ausgebrochen ist, ohne dass Infizierte Symptome zeigen.

          Teure Tests

          Das zweite schwerwiegende Problem ist die Versorgung der Kommunen und Gesundheitszentren im ganzen Land mit Testmaterialien. Das dafür zuständige Center for Disease Control and Prevention (CDC) hatte Testkits an 50 Bundesstaaten herausgeschickt, die sich als zu ungenau erwiesen haben. Zudem beklagen lokale Behörden, dass sie viel zu wenige Testkits bekommen hätten. Das CDC schickt nun von Montag an eine neue Variante, deren Genauigkeit allerdings noch überprüft werden muss.

          Die Behörde setzt nach eigenen Angaben zudem darauf, dass private Labore in die Bresche springen. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom meldete am Donnerstag, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat stünden wenige hundert Test-Materialien von der CDC zur Verfügung, der 2,8 Millionen Bürger große Miami Dade-County gab an, dass dort mangels Test-Kits gar keine Überprüfungen vorgenommen werden könnten. Der Bundesstaat New York entwickelt nun ein eigenes Verfahren, um den Mangel auszugleichen. Zum Vergleich: Während Hongkong täglich mehr als 1000 Personen testet, haben die Vereinigten Staaten (Stand 25. Februar) insgesamt 445 Menschen überprüft.

          Verspätete Tests führen dazu, dass Infizierte die Krankheit verbreiten können. Der Fall in Kalifornien illustriert das Problem. Die Frau befand sich mehrere Tage in einem lokalen Krankenhaus, die Ärzte wollten sie testen, sahen aber davon ab, weil sie nicht zu den Risikogruppen zählte, für die die raren Testkits reserviert worden waren. Später wurde sie in eine größere Klinik verlegt, wo sie positiv getestet wurde. Das lokale Krankenhaus hat nun Pfleger und Schwestern, die mit der Patientin in Berührung waren, nach Hause geschickt und aufgefordert, auf Symptome zu achten.

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          Erschwert wird die Krankheitsbekämpfung durch Spezifika des amerikanischen Gesundheitswesens. Amerikaner meiden generell Arzt- und Krankenhausbesuche, weil sie hohe Kosten fürchten. Eine Umfrage des West Health Instituts an der Universität Chicago aus dem Jahr 2018 ergab, dass 40 Prozent der Befragten in den vergangen zwölf Monaten einen empfohlenen Test ausgelassen hätten – wegen der Kosten.

          Dass das keine blanke Theorie ist, belegt ein aktueller Bericht des Miami Herald. Dem zufolge kam ein Mitarbeiter einer Medizin-Technik-Firma mit Grippesymptomen aus China zurück ins heimatliche Florida. Er ließ sich testen, das Krankenhaus stellte ihm dafür mehr als 3000 Dollar in Rechnung, von dem seine private Versicherung nur die Hälfte trägt. Er hatte seinen Obamacare-Plan, der mehr Kosten gedeckt hätte, wegen deutlicher Prämien-Anhebung durch die Billigvariante ersetzt.

          Dazu kommt, dass viele Arbeitnehmer in niedrig bezahlten Berufen in der Regel keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben, sie müssen sogar eine Kündigung fürchten. Viele dieser Arbeitnehmer arbeiten im Gastgewerbe und in Schnellrestaurants: Sie fassen das Essen an.

          Die Möglichkeit, dass die Kundschaft deshalb Gaststätten meidet, schreckt wiederum Ökonomen auf: Das Dienstleistungsgewerbe stützt bisher die Konjunktur, während Fabrikarbeit und Investitionen in Amerika zurück gehen.

          Ebenfalls besteht die Möglichkeit, dass Eltern ihrer Kinder zur Schule schicken, wenn diese nur schwache Krankheitssymptome zeigen. Denn die Arbeitgeber gewähren in der Regel keine freien Tage zur Versorgung kranker Familienmitglieder. Private Kinderbetreuung ist sehr teuer. Erste Schulen prüfen Pläne, Kinder online zu unterrichten, was aber private Betreuung voraussetzte.    

          Einige Experten treibt überdies die Sorge um, dass für den schlimmsten Fall nicht genügend Betten zur Verfügung stehen nachdem Kliniken unter großem Kostendruck stehen. Trump hat unterdessen seine Vizepräsident Mike Pence mit der Koordination der Regierungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit betraut. Zu seinen ersten Maßnahmen gehörte es, den Ärzten in Bundesbehörden öffentliche Stellungnahmen zu untersagen.             

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