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Gesundheitsversorgung : Kampf der Atemnot

Medizintechnikhersteller wie Dräger arbeiten auf Hochtouren, um der Nachfrage an Beatmungsgeräten nachzukommen. Bild: dpa

Die Hersteller von Beatmungsgeräten arbeiten am Anschlag gegen die Corona-Krise. Die Politik ist alarmiert und sichert Bestände für den Einsatz in Krankenhäusern.

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          Der rheinland-pfälzische Mittelständler Löwenstein hat ein virtuelles „Bitte nicht stören“-Schild aufgehängt: Auf der Website verweist der Medizintechnikhersteller explizit auf eine Pressemitteilung und bittet, von weiteren Anfragen abzusehen. Der Betrieb mit international rund 2000 Mitarbeitern arbeitet auf Hochtouren. Denn Löwenstein hat kürzlich einen Auftrag über 6500 Beatmungsgeräte von der Bundesregierung erhalten. Die Geräte sollen im Laufe der kommenden drei Monate zur Verfügung stehen, heißt es. Man habe schon im Februar angefangen, die Fertigung deutlich zu erhöhen, nicht zuletzt aufgrund der Nachfrage aus China. „Wir konzentrieren uns jetzt voll und ganz auf unseren Versorgungsauftrag“, teilte Löwenstein mit. Derzeit gebe es keine Einschränkungen in den Versorgungsbereichen und der Produktion.

          Ilka Kopplin

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          Auch der Medizin- und Sicherheitstechnikhersteller Dräger hat eine Order aus Berlin erhalten: 10.000 Beatmungsgeräte, die größte Bestellung in der Geschichte des Konzerns mit einem geschätzten Volumen von mindestens 200 Millionen Euro. Um die Order abzuarbeiten, muss der Konzern seine Kapazität am Standort in Lübeck im Rekordtempo vergrößern. Dabei geht es nicht nur um die Herstellung der Geräte, sondern auch um Testräume, von denen es bisher zu wenig gibt. Zudem sind Komponentenzulieferer derzeit schwer zu finden, und Lieferungen gehen auch ins Ausland, zuletzt nach Italien.

          Dass die Bundesregierung sich mit solchen Aufträgen direkt an die Hersteller wendet, zeigt den Ernst der Lage. Hierzulande gibt es 28.000 Betten auf Intensivstationen, davon können aktuell 20.000 als Beatmungsplätze genutzt werden. Nicht jeder Corona-Patient wird beatmet werden müssen, doch es wird auch weiter Herzinfarkte und Schlaganfälle geben. Nicht zuletzt die Bilder völlig überlasteter Krankenhäuser in Italien sind es wohl, die zusätzlich zum Handeln bewegen.

          Amerikas Präsident Donald Trump spricht mit den Chefs von Autokonzernen wie GM und Ford, ob sie künftig Beatmungsgeräte herstellen können. Diese Diskussionen gibt es auch in anderen Ländern: In Italien ist man mit Fiat-Chrysler, Ferrari und anderen Unternehmen im Gespräch. In manchen Ländern und in Online-Foren wird über 3D-Druckverfahren für einige Teile nachgedacht.

          McLaren bald Hersteller von Beatmungsgeräten?

          In Großbritannien hat Premierminister Boris Johnson einen Aufruf an die Industrie gestartet, die Produktion umzustellen. Das staatliche Gesundheitswesen NHS verfügt nur über 8175 Geräte. Die Angst ist groß, dass dies bald nicht mehr ausreicht. Innerhalb von zwei Wochen sollen mehr als 20.000 Geräte hergestellt werden, forderte Johnson. Die Regierung hat sich an 60 Unternehmen gewandt, von den meisten kamen Absagen. Der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Meggitt, der Sauerstoffmasken für Flugzeugpiloten herstellt, hat sich an die Spitze eines Konsortiums gestellt, auch Nissan und der Formel-1-Konstrukteur McLaren machen mit. Deutsche Autohersteller sind indes eher zurückhaltend.

          Dass Regierungen zu so drastischen Mitteln greifen, liegt auch daran, dass Beatmungsgeräte kein Allerweltsprodukt sind, was ein Blick auf den Markt zeigt. Der wächst aufgrund einer besseren medizinischen Versorgung in vielen Staaten und einer zunehmend alternden Gesellschaft in entwickelten Ländern durchschnittlich global um mehr als 6 Prozent im Jahr, ausgehend von mehr als 4 Milliarden Dollar im Jahr 2018, prognostiziert das Analysehaus Grandview. Sie liegen – je nach Komplexität – bei einem Preis von etwa 20.000 Euro an aufwärts.

          Kein Allerweltsprodukt

          Neben Dräger sind beispielsweise die Konzerne GE und Philips Anbieter sowie Becton-Dickinson in Amerika. Auch der schwedische Konzern Getinge ist ein größerer Produzent und fährt in diesem Jahr die Herstellung um 60 Prozent hoch, ausgehend von mehr als 10.000 Geräten im vergangenen Jahr. Medtronic in Irland und Hamilton in der Schweiz sind weitere Anbieter. Das Familienunternehmen Hamilton produziert normalerweise 220 Geräte in der Woche. Seit dem Ausbruch des Coronavirus in China hat Hamilton die Produktion um 50 Prozent erhöht. Im Gesamtjahr sollen mehr als 20.000 Geräte gefertigt werden. Je weiter die Produktion hochgefahren werde, umso größer sei die Gefahr von Zuliefererengpässen, heißt es hier wie auch bei anderen Herstellern.

          Dass nun Industrieunternehmen auf die Schnelle einspringen können, dürfte schwierig werden. Die Geräte fallen unter die Medizintechnik, die strengen Zulassungen und Zertifizierungen unterliegt. Mechanik und Elektronik müssen einwandfrei funktionieren, schließlich werden die Geräte für Patienten eingesetzt, die oft sehr schwach sind. „Beatmungsgeräte sind vom Design und den medizinischen Anforderungen her so komplex und sensibel, dass in der jetzigen Notsituation nur eine Steigerung der Produktionskapazitäten bei den etablierten Unternehmen in Frage kommt“, heißt es seitens des Medizintechnikverbands BVMed.

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