https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/coronavirus-hausaerzte-kritisieren-neues-infektionsschutzgesetz-18308474.html

Infektionsschutzgesetz : Hausärzte halten neue Corona-Regeln für unzureichend

Hinweisschild an einem Kaufhaus in Frankfurt am Main Bild: dpa

Für den Deutschen Hausärzteverband ist das gerade beschlossene Infektionsschutzgesetz zu kleinteilig angelegt. Viele Corona-Vorgaben seien kaum mehr zu erklären, kritisiert Verbandspräsident Ulrich Weigeldt.

          2 Min.

          Zum Ende seiner Amtszeit haut der Ärztechef noch einmal auf den Putz. Das gerade im Bundestag beschlossene Infektionsschutzgesetz enthalte viel zu viel Klein-Klein, werde innerhalb der Ampelkoalition zerrieben und verliere das große Ganze aus dem Blick, bemängelt der scheidende Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          „Mir ist schnuppe, ob Gesundheitsminister Karl Lauterbach oder Justizminister Marco Buschmann einen politischen Stich machen“, sagt der Mediziner im Gespräch mit der F.A.Z. „Entscheidend ist, dass wir die Menschen so gut es geht gegen Covid-19 schützen, und das sehe ich nicht.“

          Über der kleinteiligen Maskendiskussion – „demnächst schreibt man uns noch die Farbe vor“ – gehe die dringende Notwendigkeit unter, die richtigen Personen umfassend zu impfen, nämlich alte und anfällige Gruppen. „Wir brauchen eine positive Impfkampagne, die die Menschen mitnimmt. Der Slogan ,Ärmel hoch‘ reicht nicht aus.“

          Kritik am Datenschutz

          Viele Schutzregeln seien kaum zu erklären, weil sie schon innerhalb Deutschlands unterschiedlich gehandhabt würden und erst recht in den Nachbarstaaten. „Wer mit dem Zug über die Grenzen fährt, darf fast überall die Masken absetzen, das versteht kein Mensch.“

          Gleichzeitig gehe der Datenschutz in Deutschland so weit, dass die Corona-Informationen nicht systematisch gesammelt, sondern aus dem Ausland mit weniger strengen Gesetzen bezogen würden. „Wir bekommen Corona-Daten aus Israel, Spenderorgane aus Österreich und Atomstrom aus Tschechien, schaffen selbst aber keine vernünftigen Regeln dazu.“

          Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands
          Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands : Bild: obs

          72 Jahre alt und kein bisschen leise, könnte man zu dem streitbaren Bremer Facharzt für Allgemeinmedizin sagen. Doch bald dürfte es etwas stiller werden: Auf dem Hausärztetag Ende dieser Woche in Berlin will Weigeldt sein Amt vorzeitig aufgeben, sagt er. Das ist ein Jahr vor Ende der Amtszeit.

          16 Jahre lang stand er an der Spitze des mit 30.000 Mitgliedern größten Berufsverbands niedergelassener Ärzte in Deutschland; zunächst zwischen 2003 und 2005 und dann wieder seit 2007. Zwischendurch war er im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Bei seiner letzten, wegen interner Widerstände etwas holprig verlaufenen Wahl 2019 kündigte der gebürtige Lüdenscheider an, er wolle einen Generationswechsel vorbereiten und dafür möglicherweise schon vor Ende der Amtszeit abtreten. Das tut er jetzt mit einem „gut bestellten Haus“, wie er sagt.

          Es wird damit gerechnet, dass ihm sein erster Stellvertreter Markus Beier nachfolgt. Er ist 20 Jahre jünger und Vorsitzender des größten Landesverbands Bayern, der im Bundesvorstand traditionell bevorzugt vertreten ist. Der bisherige zweite Stellvertreter Berthold Dietsche, der nicht viel jünger als Weigeldt ist, könnte sich ebenfalls zurückziehen.

          Mindestens eines der beiden frei werdenden Vizeämter dürfte eine Medizinerin übernehmen, denn auch die Hausärzte wünschen sich mehr Frauen in Führungspositionen. Bisher sind drei der neun Mitglieder im Bundesvorstand weiblich, den größten Einfluss hat Anke Richter-Scheer aus Westfalen-Lippe als dritte Stellvertreterin. Hoch gehandelt als Neubesetzung im Führungsgremium wird Nicola Buhlinger-Göpfarth, Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, wo sie Dietsche schon abgelöst hat.

          Weigeldt will sich zur künftigen Besetzung nicht äußern, das obliege den 120 Delegierten zunächst am Freitag und dann ein Jahr später noch einmal, wenn die regulären Wahlen zum gesamten Vorstand anstehen. Deutlich wird Weigeldt zur Alters- und Geschlechterverteilung: „Wir müssen jünger werden und mehr in die Parität reinkommen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Als DFB-Direktor mitverantwortlich für die Nationalmannschaft: Oliver Bierhoff

          Nach WM-Debakel in Qatar : DFB und Oliver Bierhoff trennen sich

          Oliver Bierhoff verlässt den Deutschen Fußball-Bund. Der ursprünglich bis in das Jahr 2024 laufende Vertrag mit dem DFB-Direktor wurde vorzeitig aufgelöst. Über die Nachfolge sollen nun die DFB-Gremien beraten.
          Migranten im Oktober 2022 auf den Bahngleisen in der Nähe der Grenze zwischen Serbien und Ungarn.

          EU-Aktionsplan zum Westbalkan : Viel Aktion, wenig Plan

          Die tieferen Ursachen der Migrationswelle über den Balkan haben mit dem Balkan wenig zu tun. Der Aktionsplan der EU-Kommission wird deshalb nicht der letzte gewesen sein.
          Guter Tag für Porsche: VW- und Porsche-Chef Oliver Blume (links) und Porsche-Finanzvorstand Lutz Meschke beim Börsengang Ende September in Frankfurt

          Fast Entry : Porsche steigt in den Dax auf

          Eine sehr gute Kursentwicklung seit dem Börsengang lässt die Porsche AG sogleich in den Dax springen. Nur noch zwei Autohersteller auf der Welt sind wertvoller.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.