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Folge der Corona-Pandemie : Verstaatlichen die Briten jetzt die Bahnunternehmen?

Nur wenige Menschen sitzen in den Wagen einer U-Bahn im Westen Londons. gestern hatte der britische Premierminister Johnson die Menschen dazu aufgefordert, wenn möglich von zu Hause aus zu arbeiten und alle unnötigen Kontakte zu vermeiden. Bild: dpa

Auch das Vereinigte Königreich nähert sich nun dem „Lockdown“. Mit vielen Folgen.

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          In Großbritannien steht die Schließung von Teilen der Wirtschaft im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus bevor. Premierminister Boris Johnson hat, nach Kritik an dem anfangs zögerlichen Vorgehen, eine Kehrtwende vollzogen. Er forderte die Menschen auf, „nicht-essentielle Kontakte mit anderen und alle nicht-essentiellen Reisen zu stoppen“.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Bürger sollten von zu Hause arbeiten und Pubs, Clubs und Theater meiden. Diese Aufforderungen äußerte Johnson als „dringenden Rat“ – aber nicht als rechtlich bindende Anordnung.

          Für Gaststätten und Hotels, die ohnehin schon drastische Umsatzeinbußen erleiden, ist die neue Politik ein schwerer Schlag. Sie befinden sich in einem merkwürdigen Schwebezustand, denn die Regierung hat – anders als viele andere europäische Staaten – keine Schließung angeordnet. Pubs und Restaurants können weiter öffnen, nur bleiben Gäste und Kunden weg.

          Der Verband UK Hospitality schlägt Alarm für die ganze Branche, die nach Eigenangaben rund 3 Millionen Menschen in Restaurants, Kneipen, Hotels, Tourismus- und Freizeiteinrichtungen beschäftigt, etwa ein Zehntel der gesamten Erwerbsbevölkerung. „Das ist katastrophal für die Unternehmen und die Jobs“, sagte Verbandschefin Kate Nicholls. „Die Regierung hat effektiv die Gastgewerbebranche geschlossen, ohne irgendeine Unterstützung.“ Tausende Unternehmen müssten bald für immer dichtmachen, Hunderttausende Arbeitsplätze gingen verloren.

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          Viele Gastbetriebe machen nur noch einen Bruchteil früheren Umsatzes. „Viele sind schon auf den Knien“, warnt der Verband. Was ihn besonders bedrückt: Durch den Schwebezustand könnten die Unternehmen von ihren Versicherungen keine Entschädigungen einfordern, denn offiziell gibt es ja keine Anordnung zur Schließung, nur eine Empfehlung. Nicholls forderte dringend mehr Hilfen von der Regierung.

          Am Mittwoch kündigte die Odeon-Kette die Schließung ihrer Kinos an, darunter das berühmte Lichtspielhaus am Leicester Square im Londoner West End. Die Kinos werden auf unbestimmte Zeit zu bleiben.

          Finanzminister Rishi Sunak hat angekündigt, nächste Woche neue Notmaßnahmen vorzulegen. Bislang hat die Regierung ein Paket mit 12 Milliarden Pfund zusätzlichen Ausgaben zur Abfederung der Corona-Krise beschlossen. Darin enthalten sind Steuererleichterungen, Hilfskredite für kleine und mittlere Unternehmen und gesetzliches Krankengeld für Corona-Betroffene. Das Krankengeld allerdings ist mit bloß 94,25 Pfund (etwa 105 Euro) je Woche äußert knapp bemessen. Selbständige und Beschäftigte mit sogenannten Null-Stunden-Arbeitsverträgen ohne soziale Absicherung geraten schnell in finanzielle Notlage.

          Bis zum Ausbruch der Corona-Krise präsentierte sich der britische Arbeitsmarkt indes in guter Verfassung. Nach den neuesten Daten wurden bis Januar nochmal mehr als 180.000 neue Jobs geschaffen, die Arbeitslosenquote lag weiter unter 4 Prozent.

          Die hohen Ausfälle durch die Corona-Krise bringen auch einige Eisenbahngesellschaften in Schieflage. Ihre Passagierzahlen sind laut Branchenangaben schon um rund ein Drittel eingebrochen, weil Pendler und Fernreisende wegbleiben, nach der Reisestopp-Empfehlung der Regierung dürften viele Züge bald leer sein. Die Aktie der FirstGroup-Gesellschaft, die Pendler-Zugverbindungen im Südwesten Londons betreibt, war seit Wochenbeginn einer der größten Börsenverlierer. Inzwischen hat sich der Wert halbiert. Einige Eisenbahnen bitten schon um Staatshilfe. Verkehrsminister Grant Shapps will die Situation „genau beobachten“. Beobachter halten eine baldige Notverstaatlichung für möglich.

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