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Folge der Corona-Pandemie : Der globale Kampf um die Atemschutzmasken

Präsident Donald Trump im Krisenmodus. Bild: EPA

Donald Trump dirigiert Lieferungen um und verbietet Exporte weitgehend. Denn gerade seine Regierung ist mit einer dramatischen Lage konfrontiert.

          3 Min.

          Das Weiße Haus reagiert auf den dramatischen Mangel an Mundschutz-Masken für medizinisches Personal mit Exportverboten und aggressiven Einkaufsstrategien, die keine Rücksicht auf befreundete Länder nehmen. Frankreich und Deutschland werfen der amerikanische Regierung vor, Bestellungen von Schutzausrüstung für Schwestern und Ärzte in Asien nach Amerika umgelenkt zu haben.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Berlins Innensenator Andreas Geisel bestätigte, dass 200.000 für Berliner Polizisten und Krankenhauspersonal gedachte Atemschutzmasken in Bangkok in die Vereinigten Staaten umdirigiert wurden. Der Politiker sprach von einem Akt der Piraterie. Die Masken der Schutzklasse FFP2 waren vom amerikanischen Unternehmen 3M bestellt und in chinesischen Fabriken produziert worden. Amerikanische Regierungskreise bestreiten den Vorwurf aus Berlin, 3M liegen nach eigenem Bekunden keine Erkenntnisse über Bestellungen aus Berlin vor.   

          Präsident Donald Trump verhängte seinerseits am Freitagabend ein eingeschränktes Exportverbot für Atemschutzmasken und Handschuhe. Zuvor hatte er 3M angewiesen, nur noch für den amerikanischen Markt zu produzieren. Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau kritisierte die Schritt – 3M ist zentraler Lieferant von Atemschutzmasken für Kanada.

          Ärzte haben Angst

          Die Vereinigten Staaten wiederum stehen dessen ungeachtet nicht alleine mit dieser drastischen Maßnahme. Viele Länder, darunter China, die Europäischen Union und Deutschland, haben zumindest vorübergehend Ausfuhren wichtiger medizinischer Güter gestoppt.

          Die Regierung in Washington sieht sich ihrerseits mit einer dramatischen Lage konfrontiert: Ein Viertel aller auf der ganzen Welt positiv getesteten Personen leben in den Vereinigten Staaten, die 280.000 Fälle verzeichnen. Aus Krankenhäusern im ganzen Land kommen Hilferufe von Ärzten und Schwestern, die den Mangel an Schutzkleidung, Handschuhen und speziell Mundschutz-Masken der Spezifikation N95 beklagen.

          Die Sorge wächst, dass Pfleger und Mediziner selbst erkranken und Patienten nicht mehr helfen können. Zwar ist in Amerika selbst die Zahl der infizierten Krankenhaus-Beschäftigten noch nicht ermittelt worden. Doch Horrorzahlen aus Italien und Spanien verstärken die Alarmstimmung.

          Die Rhetorik des Weißen Hauses wird indes zunehmend martialisch. „Amerika führt Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“, beginnt die Stellungnahme, mit der die Regierung die Exportbeschränkungen und Maßnahmen gegen Händler begründet. Das Statement wendete sich vor allem gegen Makler, Zwischenhändler und Warenlager-Inhaber, die wichtige medizinische Ausrüstung horteten und zu Höchstpreisen zu verkaufen versuchten. Tatsächlich melden Staatsanwälte aus vielen Bundesstaaten Anzeigen wegen vermeintlicher Wucherpreise.

          Das Patent zugänglich machen?

          Der Vorstandsvorsitzende von 3M, Mike Roman, wendete sich gegen den Vorwurf Trumps, das Unternehmen habe Atemschutz-Masken zu Lasten der Vereinigten Staaten an den Meistbietenden exportiert. Die Idee, dass 3M nicht alles tue, um den Vereinigten Staaten zu helfen, sei komplett falsch. 3M habe seine Atemschutz-Masken-Produktion in Amerika seit Januar verdoppelt – auf beinahe 40 Millionen Masken im Monat.

          Ein geringer Teil dieser Produktionsmenge, weniger als zehn Produzent, würde nach Kanada und an lateinamerikanische Länder geliefert, wo 3M oft der einzige Lieferant dieser lebensrettenden Schutzausrüstung sei. 3M habe eine moralische Verpflichtung, deren Schwestern und Ärzten zu helfen. Roman wies zudem darauf hin, dass der Konzern Lieferungen von zehn Millionen Atemschutzmasken aus seinen Fabriken in China von der Regierung in Peking habe genehmigt bekommen. Das mache 3M zum Nettoimporteur.

          Ausfuhrbeschränkungen wiederum könnten im schlimmsten Fall zu Gegenmaßnahmen der betroffenen Länder führen. Und dann unter dem Strich den Kliniken in Amerika sogar schaden.

          Die Knappheit der Atemschutzmasken ist indes zumindest teilweise auch Folge enger bürokratischer Regeln. Bis Freitag durften Masken, die vergleichbar in ihrer versiegelnden Wirkung waren wie die N95-Masken, nicht in Krankenhäuser verwendet werden. Jetzt hat die amerikanische Seuchenschutzbehörde die Regulierung gelockert und auch Masken der Spezifikation KN95 zugelassen, die nach Angaben von Importeuren deutlich leichter zu beschaffen sind.

          Ein anderer Vorschlag könnte ebenfalls deutlich zur Entspannung der Lage beitragen, sollte er umgesetzt werden: Der Gouverneur von Kentucky, Andy Beshear, hat vorgeschlagen, dass 3M sein Patent auf die Masken freigibt und für Produzenten in aller Welt zugänglich macht.

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