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Folge des Coronavirus : Deutsche Industrie verlangt Staatshilfe für die Wirtschaft

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Joachim Lang, BDI-Hauptgeschäftsführer, fordert angesichts der Ausbreitung des Coronavirus „wirtschaftliches Krisenmanagement“ von der Bundesregierung. Bild: dpa

Der BDI warnt vor „schweren Auswirkungen“ auf die Wirtschaftsentwicklung. Nicht nur er richtet einen eindringlichen Appell an Berlin.

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          Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat angesichts der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus die Regierung zum raschen wirtschaftlichen „Krisenmanagement“ aufgefordert.

          Die Auswirkungen des Virus seien in Ausmaß und Dauer derzeit „überhaupt nicht einzuschätzen“, erklärte am Montag Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Für die Konjunktur drohten „schwere Auswirkungen“.

          Die mehr als 5000 deutschen Unternehmen in China seien derzeit in Beschaffung, Produktion und Absatz stark eingeschränkt, erläuterte der BDI-Hauptgeschäftsführer. In den kommenden Wochen rechnen demnach mehrere Industriebranchen in Deutschland mit Engpässen bei Lieferungen aus Fernost, unter anderem Elektro, Automobil, Pharma und Papier.

          Wirtschaftsministerium hält Folgen für „beherrschbar“

          „Die Bundesregierung muss jetzt schleunigst wirtschaftspolitische Impulse für eine Belebung des Wachstums liefern“, forderte Lang. Erforderlich sei die politische Einigung noch im ersten Vierteljahr. Es sei zu wenig, wenn sich die große Koalition einzig und allein um parteipolitische Fragestellungen kümmere.

          Die Konjunktur in Deutschland sei aufgrund großer Unsicherheiten auf den Weltmärkten schon schwach ins neue Jahr gestartet, erklärte der BDI weiter. Die Effekte der Epidemie erhöhten den Druck auf die Unternehmen zusätzlich.

          Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums sagte am Montag, es gebe „keine Planungen“ für Bürgschaften oder ähnliche Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen. Aus jetziger Sicht seien die Folgen der Epidemie „beherrschbar“. Der Sprecher wies darauf hin, dass es „später im Jahr“ auch zu Nachholeffekten kommen könne – wie groß die Auswirkungen der Epidemie gesamtwirtschaftlich schließlich sein werden, könne noch nicht beziffert werden. Die Regierung habe die Lage aber „genau im Blick“.

          Institut der deutschen Wirtschaft senkt Wachstumsprognose

          Wirtschaftsforscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) haben indes ihre Konjunkturprognose gesenkt. Bisher ging das IW-Institut davon aus, dass die hiesige Konjunktur 2020 um 0,9 Prozent anzieht. „Das werden wir nicht halten können“, sagte IW-Konjunkturchef Michael Grömling. Grund seien zum einen revidierte Daten zum Bruttoinlandsprodukt. „Das hängt aber auch mit dem Coronavirus zusammen.“

          Andere Ökonomen und Banken haben ihre Wachstumsprognosen wegen der Epidemie und ihrer Folgen gekappt. Zuletzt senkte die Landesbank LBBW ihre Schätzung für das Wachstum der deutschen Wirtschaft 2020 auf 0,4 von 0,6 Prozent. Besonders die Industrie leidet laut IW unter der schwächeren Weltwirtschaft und „vor allem unter der nur noch moderaten globalen Investitionstätigkeit“.

          Handelskonflikte belasteten nicht nur den Güteraustausch, sondern auch die weltweiten Wertschöpfungsketten und den technologischen Transfer – „und nun sorgt die Corona-Krise für eine weitere Verunsicherung“.

          Deutsche Wirtschaft ist eng mit China verflochten

          Die IW-Experten fürchten Gegenwind für Deutschland, da China Handelspartner Nummer eins ist. Im vorigen Jahr hatte die Volksrepublik mit Exporten von 96 Milliarden Euro einen Anteil von gut sieben Prozent an den deutschen Warenexporten. „Die vorübergehenden Konsum- und Investitionsausfälle in China infolge der neuen Corona-Epidemie treffen die deutschen Exporteure zudem in einer schon schwachen globalen Nachfragephase.“

          Bisherige Schätzungen, wonach eine Wachstumsverlangsamung von drei Prozentpunkten in China das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2020 um 0,1 Prozentpunkte schmälert, seien wegen der starken Lieferverflechtungen überholt. „Das dürfte in diesem Fall mehr sein“, sagte Grömling.

          Gerade die starke Verflechtung könnte deutsche Unternehmen hart treffen. Denn viele Betriebe mit Sitz in China seien wichtige Zulieferer für die hiesige Produktion. Mit Einfuhren von knapp 110 Milliarden Euro und einem Anteil von rund zehn Prozent ist die Volksrepublik größter Zulieferer von deutschen Importgüter.

          Rückschlag für globale Lieferketten

          „Triviale Komponenten können wichtige Bauteile blockieren“, sagte Grömling mit Blick auf teilweise starke Abhängigkeiten bei wichtigen Vorleistungsprodukten etwa im Pharmabereich oder der Elektroindustrie. „Es gibt richtige Vorleistungskaskaden.“ So sei beispielsweise unklar, ob sich bei Lieferproblemen auch Teile aus anderen Ländern wie Tschechien verzögern könnten.

          Nachteilig könnte sich laut IW auch auswirken, wenn die Internationalisierung der Produktion und die damit einhergehende Arbeitsteilung einen Rückschlag erfährt. „Wir wissen nicht, ob Firmen chinesische Produkte ersetzen können.“ Zudem dürften „Innovationsnetzwerke“ einen Dämpfer bekommen, warnte Grömling. Hier gehe es etwa um den wichtigen Wissenstransfer und den Austausch von Forschern und Managern.

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