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Corona-Pandemie : Zehntausende indische Wanderarbeiter gestrandet

Massenandrang am Busterminal in Neu-Dehli Bild: AFP

Die Tagelöhner versuchen, Delhi zu verlassen, weil sie kein Einkommen und keine Bleibe mehr haben. Doch der Zugverkehr ist eingestellt – und zuhause erwartet sie mitunter Gewalt.

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          Die Lage in Indien spitzt sich wie erwartet zu, weil hunderttausende Gastarbeiter zurück in ihre Dörfer strömen, um sich ein Überleben in der Corona-Krise zu sichern. Nachdem die Regierung des nach China bevölkerungsreichsten Landes der Erde eine Ausgangssperre verhängt hatte, haben mehrere Hundert Millionen Menschen kein Einkommen mehr und können auch keine Miete mehr zahlen. Zwar stehen den Armen Essensrationen und manchen auch Bargeld zu, um zumindest bis Ende des Monats auskommen zu können. Doch glauben viele, sie haben keine Chance mehr in der Stadt, und versuchen ihre Heimatdörfer zu erreichen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Entlang der Landesgrenzen der Hauptstadt Delhi reihten sich am Wochenende deshalb Zehntausende Menschen, die auf Transportmöglichkeiten zurück aufs Land in ihre Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Bihar oder Madhya Pradesh warteten. Die meisten waren junge Männer, die sich als Fabrikarbeiter, an Marktständen, auf Baustellen, als Wagenschieber oder Putzmänner für rund 400 Rupien (4,76 Euro) am Tag verdingt hatten. Manche haben Frauen und Kinder, Taschen und alles, was sie transportieren konnten, mitgenommen. Vor vielen liegt eine Reise von mehreren hundert Kilometern. Indien aber hat alle Personenzüge außer Kraft gesetzt. Das Land hat inzwischen Eisenbahnwaggons in Isolierstationen umgewandelt.

          Millionen Masken und Schutzanzüge fehlen

          Deshalb bleibt den Flüchtlingen aus Delhi nichts anderes, als entweder direkt zur Grenze in Ghazipur zu gehen und auf der anderen Seite auf den Weitertransport zu hoffen, oder zu den Terminals der Überlandbusse zu laufen. Die Menschenschlange vor dem Busbahnhof Anand Vidar maß am Samstag mehr als drei Kilometer. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, dass sich nur eine Minderheit der Menschen wenigstens durch Masken vor der Ansteckungsgefahr schützt. Der geforderte Mindestabstand von zwei Metern, der an manchen Orten in Indien rigide und von der Polizei mit Schlägen durchgesetzt wird, war in den Menschenmassen vollkommen außer Kraft gesetzt. Ministerpräsident Narendra Modi hatte am Dienstag angeordnet, dass alle Inder für die nächsten 21 Tage zu Hause bleiben müssten, um die Ansteckungswelle zu mindern. Bislang haben sich offiziellen Angaben zufolge rund eintausend Menschen mit Corona infiziert. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen, da im Verhältnis kaum getestet wird.

          Das Chaos feuert einen politischen Streit an. Vertreter von Modis Regierungspartei unterstellten der Regierung in Delhi, die Menschenmassen in Bussen zur Grenze gebracht zu haben, um Chaos zu erzeugen. „Ihr habt sie in Delhi-Bussen zur Grenze transportiert. Stellt bitte sicher, dass jede Familie Essensrationen für 15 Tage bekommt und in Bussen zurück in ihre Unterkünfte gebracht wird. Sonst wird das Ganze ein Problem“, warnte ein Parteivertreter die oppositionelle Stadtregierung – wobei ihm klar sein musste, dass das nicht geht: die meisten der Menschen wollen nach Hause, viele haben keine Bleibe mehr.

          Die Schlange am Busterminal Anand Vihar in Neu-Dehli ist mehrere Kilometer lang.

          Andere berichteten in den sozialen Medien, heimkehrende Arbeiter würden im Bundesstaat Uttar Pradesh auch von der Polizei verprügelt und zurückgeschickt, weil sie eine Gefahr darstellten. Oppositionsführer Rahul Gandhi twitterte: „Ohne Arbeit und vor einer unsicheren Zukunft kämpfen Millionen unserer Schwestern und Brüder in Indien damit, ihren Weg in die Heimat zu finden. Es ist beschämend, dass wir zulassen, dass auch nur ein Inder so behandelt wird und die Regierung keine Notfallpläne für einen solche Exodus hat.“

          Tagelöhner stehen dicht gedrängt in einem Bus auf dem Weg zurück in ihre Dörfer.

          Modi entschuldigte sich inzwischen bei seinem gut 1,3 Milliarden Menschen zählenden Volk: In seiner dritten Ansprache innerhalb rund einer Wochen sagte er: „Wir müssen den Kampf gegen Corona gewinnen, und wir werden ihn gewinnen.“ Viele halten der Regierung vor, sie lasse immer wieder die Armen, unter ihnen ein hoher Anteil Muslime, im Stich – zunächst in dem nutzlosen Entzug von Bargeld, den Modi angeordnet hatte, und nun abermals, da für ihr Schicksal nicht gesorgt sei.

          In Regierungsdokumenten, die die Nachrichtenagentur Reuters eingesehen hat, heißt es, Indien brauche mindestens 38 Millionen Masken und etwa 6 Millionen Sätze Schutzkleidung; es verfügt derzeit aber nur über 9 Millionen Masken und 800.000 Schutzanzüge. Die Regierung hat die Unternehmen aufgerufen, sofort mit der Fertigung zu beginnen.

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