https://www.faz.net/-gqe-9y9bi

F.A.Z. exklusiv : Industrie erhöht den Druck für Exit-Strategie

Ein einsames Auto auf dem Mitarbeiterparkplatz am VW-Stammwerk in Wolfsburg Bild: dpa

„Die Unternehmen müssen wissen, woran sie sind“, fordert DIHK-Chef Eric Schweitzer im Gespräch mit der F.A.Z. Auch die Autoindustrie warnt: „Der Hochlauf wird anspruchsvoll und Zeit benötigen“, meint VDA-Chefin Müller.

          3 Min.

          Noch zögert die Bundesregierung, nach dem Vorbild von Österreich tatsächlich Lockerungen bei den Einschränkungen im wirtschaftlichen und öffentlichen Leben anzukündigen. Doch die Industrie erhöht zunehmend den Druck. „In enger Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden brauchen wir den Hochlauf. Und dieser Hochlauf muss so schnell wie möglich und so verantwortbar wie nötig erfolgen“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der F.A.Z. Liquiditätshilfen und Kurzarbeit seien zwar geeignete Instrumente. „Klar ist aber auch: Diese Art von Brücke hält nicht ewig, der Weg nach vorn kann nur über Produktion, Innovation und Wachstum führen.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Müller unterstrich, dass für das Hochfahren des Automobilbaus die gesamte Wertschöpfungskette aufgebaut und stabil sein müsse, vom Eisenerz über die Stahlproduktion bis hin zu den vielen Zuliefererstufen. Bevor die Hersteller mit der Autoproduktion starten könnten, müssten die Zulieferer schon einsatzfähig sein. Zudem müsse die gesamte Logistikkette funktionieren, dazu zähle auch ein „reibungsloser grenzüberschreitender Güterverkehr“. Überdies müssten der Kraftfahrzeughandel für Neu- und Gebrauchtwagen erlaubt werden und die Zulassungsbehörden wieder arbeiten können.

          „Wir haben es mit einem komplizierten Getriebe zu tun, dessen einzelne Zahnräder störungsfrei ineinandergreifen müssen“, sagte Müller. „In einem Satz: Der Shutdown ließ sich kurzfristig mit erheblichen negativen Folgen umsetzen, der Hochlauf wird viel anspruchsvoller und Zeit benötigen.“ Die Hochlaufkurve werde am Anfang nur langsam steigen, bevor sie sich dann dynamischer entwickele.

          „Die Unternehmen müssen wissen, woran sie sind“

          Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK, Eric Schweitzer, ergänzte, das Verständnis für den Shutdown sei in der Wirtschaft groß. „Um aber rechtzeitig in einen anderen Modus umschalten zu können, brauchen die Unternehmen möglichst bald klare Kriterien dafür, wie sie künftig – jenseits der konkreten Terminfrage – ihre Geschäftstätigkeit an die höheren Vorgaben des Gesundheitsschutzes anpassen können.“

          Unternehmern sollten wenigstens eine Perspektive erhalten und sich darauf vorbereiten können, wie sie bald wieder mit bestimmten Einschränkungen agieren dürfen. „Die Unternehmen müssen vor den Feiertagen wissen, woran sie sind“, forderte Schweitzer gegenüber der F.A.Z.

          Noch scheinen die Forderungen der Wirtschaft in der Bundesregierung auf taube Ohren zu stoßen. Regierungssprecher Steffen Seibert wiederholte am Montag die Äußerungen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), wonach es unverantwortlich wäre, jetzt schon einen Stichtag für das Zurückfahren der Beschränkungen zu nennen.

          Das Bundesinnenministerium dementierte derweil am Montag einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, wonach es ein Konzeptpapier gebe, wie die Wirtschaft nach dem Ende der Corona-Krise wieder hochgefahren werden solle. Die Meldung sei falsch, teilte das Ministerium mit. „Ein solches Papier hat das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat weder erarbeitet noch in Auftrag gegeben.“

          Wie VDA-Chefin Müller hat auch der Konzernchef von Volkswagen, Herbert Diess, in den vergangenen Tagen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Autobranche in einer noch nie dagewesenen Situation sei. Durch Corona seien Nachfrage und Angebot gleichzeitig eingebrochen.

          Nicht ohne Grund habe Diess gesagt, nur gemeinsam könne die Autobranche in Europa wieder starten, sagte der Autoanalyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) der F.A.Z. „Die Lieferketten sind gestresst.“ Engpässe bei den Zulieferern seien aktuell in der Autobranche das größte Problem. In vielen Automobilunternehmen wird das schrittweise Hochfahren der Produktion schon vorbereitet – dazu gehört nach einer Studie der LBBW über die Zeit „Nach dem Shutdown“ neben Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten in den Fabriken und der Umstellung der Prozesse in der Produktion auch, die gestörten Lieferketten innerhalb Europas wieder in Gang zu bringen. „Es bringt nichts, wenn in Deutschland die Werke wieder hochfahren, in Italien, Spanien und anderen Ländern die Zulieferer aber weiter Produktionsstopp haben“, sagte Wolf. „Deswegen ist ein abgestimmtes Vorgehen in der EU notwendig.“

          Das Angebot ist aber nur die eine Seite der Medaille, wenn die Autoindustrie wieder starten soll. Es reiche nicht, nur die Autohäuser und die Zulassungsstellen wieder zu öffnen. Die verunsicherten Menschen, die jetzt Toilettenpapier und Nudeln horteten, würden nicht gleich in die Autohäuser laufen und sich ein neues Auto bestellen.

          „Es wird Kaufanreize geben müssen“, sagte Wolf. Er erinnerte an die Zeit nach der internationalen Finanzkrise, als der Staat dafür mit der sogenannten Abwrackprämie 5 Milliarden Euro investierte und damit „einen sich selbst tragenden Aufschwung in Gang gesetzt“ habe. Daran sollte sich die Politik auch jetzt orientieren, wenn sie für die Zeit nach Corona plant. „Ich bin keiner von denen, die immer gleich nach dem Staat rufen, um den Wirtschaftskreislauf anzukurbeln“, sagte Wolf. Die deutsche Wirtschaft sei aber sehr autoabhängig, an der Branche hingen mit Zulieferern und Dienstleistungen Millionen Beschäftigte.

          Weitere Themen

          Zeit für selbstkritische Kritiker

          F.A.Z.-Newsletter : Zeit für selbstkritische Kritiker

          In Wolfsburg brechen Machtkämpfe in unerwarteten Zeiten aus. Auch Virologe Christian Drosten steht unter Druck. Elon Musk muss sich dagegen gedulden. Was heute sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z. Newsletter für Deutschland.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.