https://www.faz.net/-gqe-aiiwm

Weihnachtsgeschäft : Lasst den Einzelhandel offen!

Rabatte wie häufiger, aber momentan weiterhin mit Maske: Shoppen in Lübeck. Bild: dpa

Der Einzelhandel in Deutschland warnt vor weiteren Beschränkungen. Dies könne die „Existenz vieler Händler in Gefahr“ bringen. Er warnt zu Recht.

          3 Min.

          Der Einzelhandel bangt auch in diesem Jahr wieder um sein Weihnachtsgeschäft. Mit den steigenden Corona-Infektionszahlen steigt auch die Angst vor schärferen Zugangsregeln oder, noch schlimmer, einem abermaligen Lockdown.

          In Berlin oder Sachsen etwa gelten schon heute die 2-G-Regeln im Handel, es dürfen also nur Geimpfte oder Genesene in die Läden. Das treibt den Handelsverband Deutschland um, er warnt vehement vor weiteren Verschärfungen, die die „Existenz vieler Händler in Gefahr“ bringen könnten.

          Er warnt zu Recht. Zwar gleicht vieles in dieser Pandemie einem Déjà-vu, wieder wird über strengere Beschränkungen diskutiert, wieder könnte ein Lockdown kommen. Für den Fachhandel ist die Situation in diesem Winter aber eine andere: Kommt es zu erneuten Einschränkungen, wird es die Branche, mit Ausnahme der bisher kaum von der Pandemie betroffenen Lebensmittelhändler, diesmal noch härter treffen als im vergangenen Jahr.

          Zu den Beschränkungen kommen noch die Lieferengpässe

          Denn auch Lieferengpässe belasten die Unternehmen schwer. Zwar drohen flächendeckend keine leeren Regale, aber die Knappheit wirkt sich auf das Weihnachtsgeschäft aus. Einige Produkte, insbesondere aus dem Elek­tronik- und Fahrradsegment, werden zu Weihnachten wohl nicht über die Ladenkasse gehen. Elektrische Bauteile, aber auch Gabel und Rahmen eines Fahrrades werden hauptsächlich in Asien produziert.

          Das Auffüllen der Lager ist nicht nur schwieriger, es ist auch teurer. Denn auch die stark erhöhten Transportkosten schlagen zu Buche. Das ohnehin ausgedünnte finanzielle Polster schrumpft weiter. Wer vor der Pandemie noch Rücklagen für schlechte Zeiten hatte, hat sie nun nicht mehr.

          Apropos Lager: Neben den Neuwaren befinden sich dort häufig auch noch Altlasten. In manchen Branchen stapelt sich noch das Sortiment aus vergangenen Lockdowns. Nicht alle Waren, die aufgrund der früheren Geschäftsschließungen liegen blieben, konnten seither verkauft werden. Und was verkauft wurde, ging nicht zum vollen Preis über die Ladenkasse. Eine Wiederholung dieser Situation will der stationäre Handel mit aller Kraft vermeiden.

          Einige Branchen erwirtschaften in der Weihnachtszeit ein Viertel ihres Umsatzes

          Mit dem Weihnachtsgeschäft sollten die leeren Kassen eigentlich wieder gefüllt werden, schließlich handelt es sich um die umsatzstärkste Zeit des Jahres, manche Branchen wie der Buchhandel erwirtschaften rund ein Viertel ihres Jahresumsatzes allein im November und Dezember. Ob es ihnen dieses Jahr wieder gelingen wird, steht in den Sternen. Der Auftakt lief ungewöhnlich schlecht.

          Nach einer Umfrage des Branchenverbandes war nur jeder fünfte Händler mit dem bisherigen Weihnachtsgeschäft zufrieden. Grund sei die niedrige Frequenz in den Innenstädten durch die schon jetzt verschärften Maßnahmen. Können die Konsumenten nicht oder nur eingeschränkt im stationären Einzelhandel einkaufen, dann kaufen sie oft online. Dieser Umsatz geht zu Weihnachten verloren, der Geschenkeinkauf wird nicht im Frühjahr nachgeholt.

          Zudem ist es fraglich, wie viel eine Schließung für den Infektionsschutz bringt. Ob der Einzelhandel wirklich zu den risikoreichen Orten zählt, ist auch nach fast zwei Jahren Pandemie strittig. Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einigkeit herrscht dagegen darüber, dass es weder Schlangen vor noch Gedränge im Geschäft geben darf.

          Einheitliche Regeln zum Infektionsschutz nützen Kunden

          Dafür müssten die Läden aber nicht unbedingt wieder schließen, für Schutz vor einer Infektion sorgen einheitliche Regeln beim Einkauf, wie die Maskenpflicht, Abstandsregeln und Hygienevorschriften. Diese Maßnahmen nutzt und kontrolliert der Handel längst, oft zu hohen Kosten.

          Im Zweifel wäre eine 2-G-Regel wohl ein geringeres Übel als ein neuer Lockdown. Doch die Nachteile von 2 G zeigen sich dort, wo diese Einschränkung schon gilt: In Berlin klagen die ersten Händler nicht nur über eine deutlich sinkende Kundenfrequenz oder höheren Personalaufwand, sondern auch über lange Schlangen vor den Geschäften, die ja eigentlich vermieden werden sollten.

          Die Politik wäre gut beraten, darüber nachzudenken, welche Beschränkungen wirklich helfen. Der HDE wirbt nun in einem offenen Brief an die Bundesregierung für die Impfpflicht. Damit Bewegung in die Debatte kommt, will der Branchenverband auch weitere Einkaufszen­tren für das Boostern zur Verfügung stellen, die Impfkampagne soll weiter ausgerollt werden. Es wäre dem Handel mit seinen mehr als zwei Millionen Beschäftigten zu wünschen, dass die Politik seine Bedenken ernst nimmt und alles tut, um das Schließen der Läden zu verhindern.

          Stefanie Diemand
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Novak Djoković beim Training vor den Australian Open am 13. Januar in Melbourne

          Novak Djoković : Ein Held für Serbiens Impfskeptiker

          Unter serbischen Verschwörungstheoretikern genießt Djoković hohes Ansehen. Dabei war Serbien beim Impfen einmal ganz vorn dabei. Ob er sich impfen lässt oder nicht, wird politische Folgen haben.
          Online-Glücksspiel wird immer beliebter: Doch wie steht es eigentlich um die Anbieter?

          Online-Glücksspiel : Legalisiert und paralysiert

          Vor gut einem halben Jahr wurde das Online-Glücksspiel in Deutschland liberalisiert – mit einer ähnlichen Argumentation wie beim Cannabis. Doch bisher ist das neue Regelwerk kein Erfolg.