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Gefährliche Schnelltestungen : Schluss mit den Gratistests!

Abstrich für einen Coronatest: Mit kostenlosen Testmöglichkeiten sollten mehr Infektionen früh erkannt werden. Bild: dpa

Testen ist teuer und unsicher, Impfen ist billig und sicher. Aber wegen des Impfchaos hat die Politik beides für gleichwertig erklärt. Das rächt sich jetzt.

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          Es wurde höchste Zeit. Endlich stellen Politiker und Wissenschaftler den Irrsinn der kostenlosen deutschen Corona-Tests infrage, auch die Justizministerin. Dabei ist klar: Wenn alle Leute eine Gelegenheit zum Impfen hatten, müssen sie für die Abstriche wieder selbst bezahlen. Spätestens im September wäre dann Schluss mit dem grenzenlosen Boom einer Branche, die seit dem Frühjahr auf Kosten des Steuerzahlers prächtig gedeiht.

          Im Frühling hat die Regierung aus ihrer Impfnot eine Test-Untugend gemacht. Weil sie es versäumt hatte, in Brüssel rechtzeitig auf ein wirksames Ankurbeln der Impfstoffproduktion zu drängen, musste sie den Leuten zumindest für eine Übergangszeit suggerieren, dass es quasi eine gleichwertige Alternative gebe: das regelmäßige Testen. Alles, was man als Geimpfter tun kann, darf man seither auch als frisch Getesteter machen – ob es nun Auslandsreisen ohne Quarantäne sind, ob es der Besuch in der Oper oder im Fitnessstudio ist, bis vor Kurzem sogar das Shoppen oder der Aufenthalt im Straßencafé.

          Damit hat die Politik ein fatales Missverständnis befördert. Denn gleichwertig sind Impfen und Testen keineswegs. Während die doppelte und künftig vielleicht auch dreifache Immunisierung nach bisherigem Erkenntnisstand mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tödliche Krankheitsverläufe verhindert, sind die Schnelltests mit vielen Unsicherheiten behaftet – zumal niemand weiß, ob dabei wirklich tief in der Nase gebohrt oder nur kurz das Zahnfleisch gestreichelt wurde. Ob sich positiv Getestete dann auch tatsächlich isolieren, bliebt ihnen hierzulande weitgehend selbst überlassen.

          Negatives Resultat als Freibrief

          Auch das Argument, die kostenlosen Massentests seien gerade jetzt nötiger denn je, um die Ausbreitung der Delta-Variante zu kontrollieren, führt sich selbst ad absurdum: Wenn ein positives Testergebnis keinerlei Konsequenzen hat, ein negatives aber als Freibrief missverstanden wird, sich auch ohne Impfung riskant zu verhalten: Dann wird das Virus dadurch nicht eingedämmt, sondern verbreitet.

          Bedeutsam ist aber auch der Kostenfaktor. Keiner der Corona-Impfstoffe kostet mehr als 15 Euro pro Dosis, die Hausärzte bekommen 20 Euro für die Abwicklung. Mehr als 70 Euro pro Patient werden also nicht fällig, im Regelfall sogar weniger, damit ist die Sache mutmaßlich für ein Jahr erledigt. Für die Tests zahlte der Staat anfangs bis zu 21 Euro, inzwischen im Regelfall 12,50 Euro – jedes Mal. Auf die Dauer übersteigt das die Kosten fürs Impfen um ein Vielfaches, und erst recht den volkswirtschaftlichen Nutzen: Am Anfang ließen sich viele Leute auf Staatskosten für 21 Euro testen, nur um für 2,50 Euro im Sitzen einen Kaffee trinken zu dürfen.

          Der Staat kann von Glück sagen, dass die Leute von diesem Angebot nicht allzu exzessiv Gebrauch machten. Würden sich tatsächlich alle Bürger täglich testen lassen, könnten die Kosten das Gesamtvolumen des Bundeshaushalts rasch übersteigen. Dass der Gesundheitsminister dafür aller Voraussicht nach nur einen einstelligen Milliardenbetrag ausgeben muss, ist allein den vielen Testmuffeln zu verdanken – und dem Umstand, dass der täglich mehrfache Gang in die Gastronomie draußen im Lande nicht ganz so verbreitet ist, wie es sich in Berlin-Mitte manch einer vorstellt.

          Großveranstaltungen nur für Geimpfte?

          Mit dem Ende der Gratis-Mentalität ist es allerdings noch nicht getan. Zu überlegen wäre auch, ob Ungeimpften an besonders infektionsträchtigen Orten wie etwa Großveranstaltungen der Zutritt schlicht verweigert werden müsste. In den Genuss von Ausnahmen könnten Personengruppen kommen, denen derzeit nachweislich keine Impfmöglichkeit zur Verfügung steht – seien es Kinder unter zwölf Jahren, seien es die wenigen Menschen mit sehr speziellen Krankheiten, die eine Immunisierung ausschließen.

          Das Vorzeigen der Impf-App samt QR-Code würde die Sache obendrein vereinfachen und effektive Kontrollen ermöglichen, wo jetzt – etwa in der Innengastronomie – auf das Prüfen allzu komplizierter Nachweise oft verzichtet wird. Welche Corona-Regeln wo gelten (und ob es überhaupt noch welche gibt), das versteht derzeit ohnehin kaum jemand mehr. Geimpfte dürfen überall hin, Ungeimpfte nur dorthin, wo sie niemanden gefährden: Das wäre endlich eine Regel, die jeder versteht – und die zum Impfen motiviert.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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