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Zur Eindämmung der Pandemie : Südafrikas Regierung verordnet Rauchern Entzug

In Südafrika ist der Verkauf von Zigaretten seit Beginn des Lockdowns verboten. Bild: dpa

Das Land greift im Lockdown zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Nicht nur der der Verkauf von alkoholischen Getränken, sondern auch von Zigaretten ist untersagt. Bei Rauchern und Industrie regt sich Protest.

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          Der Hinweis auf dem Tresen im „Superette“ in Kapstadt sieht aus wie aus längst vergangenen Zeiten. „Der Verkauf von Tabakprodukten an Personen unter 18 Jahren ist gesetzlich verboten“, ist dort zu lesen. Der kleine Laden aber verkauft schon seit Wochen keinen einzigen Glimmstengel, egal an welche Altersgruppe. Die Regale für Zigarettenpackungen hinter den Kassen sind restlos ausgeräumt, nur die Preisschilder kleben noch daran.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Südafrika hat in der Corona-Krise strikte Ausgangssperren verhängt mit Besonderheiten, wie es sie nur in wenigen anderen Ländern gibt. So ist seit Beginn des Lockdown nicht nur der Verkauf alkoholischer Getränke, sondern auch von Zigaretten strikt untersagt. Letzteres sorgt für besonders viel Protest von Rauchern und der Industrie. In der vergangenen Woche setzte der Tabakkonzern British American Tobacco Südafrika (BAT) ein Ultimatum zur Aufhebung des Verbots und drohte, andernfalls vor Gericht zu ziehen. Jetzt hieß es, man setze doch lieber auf weitere Gespräche mit der Regierung.

          Der staatlich verordnete Entzug ist allerdings auch innerhalb der Regierung umstritten. So hatte Staatspräsident Cyril Ramaphosa zunächst eine Aufhebung Anfang Mai angekündigt, sobald einige Corona-Ausgangsregeln gelockert werden. Nur sechs Tage später verfügte die Ministerin für traditionelle Angelegenheiten, Nkosazana Dlamini-Zuma, genau das Gegenteil. Die Ministerin leitet den neu geschaffenen Nationalen Corona-Kommandorat.

          Zur Begründung verwies sie nicht nur auf die bekannten Schäden für die Lungen. Ihren Worten nach trägt Rauchen auch zur Weiterverbreitung des Virus bei, weil sich Menschen zusammensetzten und sich, insbesondere in ärmeren Gegenden, eine Zigarette teilten. Die „Spucke auf dem Filter“ gelange so von einem zum anderen, erklärte sie. Dlamini-Zuma – sie war mit dem früheren Staatspräsidenten Jacob Zuma verheiratet – kämpft schon seit mehr als zwei Jahrzehnten gegen das Rauchen. Als Gesundheitsministerin unter Nelson Mandela setzte sie sich für ein Verbot von Tabakwerbung und dem Rauchen an öffentlichen Plätzen ein.

          Verbot befeuert illegalen Handel

          Südafrikas Finanzminister Tito Mboweni wiederum macht keinen Hehl daraus, dass er wenig von dem Verkaufsverbot für Alkohol wie für Zigaretten hält. Im Kabinett aber habe er sich nicht durchsetzen können, berichtete er dem Parlament. Dem Fiskus entgehen beträchtliche Steuereinnahmen, während die Wirtschaft auf eine schwere Rezession zusteuert. Mittlerweile erwarten Ökonomen einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um bis zu 16 Prozent. Um die Folgen abzufedern, hat die Regierung ein 500 Milliarden Rand (25 Milliarden Euro) schweres Rettungspaket angekündigt, der Umfang entspricht fast einem Zehntel des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr.

          Ob das Verbot tatsächlich das Rauchen in fröhlicher Runde unterbindet, ist fraglich. In Südafrika gab es schon vor der Corona-Krise einen regen unzulässigen Zigarettenhandel am Finanzamt vorbei. Jetzt floriert das Geschäft auf dem Schwarzmarkt richtig. Während die Preise dort aber normalerweise unter Ladenniveau liegen, sind sie jetzt auf ein Vielfaches geschnellt. „Die Leute handeln mit Zigaretten auf Facebook, sie verkaufen sie heimlich auf Parkplätzen“, hat die Organisation Tax Justice South Africa beobachtet. Einem Medienbericht zufolge bietet ein Unternehmer Zigaretten-Lieferdienste nach dem Uber-Modell an, wobei eine Liefergebühr von 400 Rand (20 Euro) fällig wird. Auch nehmen die Einbrüche in Geschäfte zu, die noch Zigaretten- und Alkoholvorräte haben.

          „Die Einzigen, die von einem Zigarettenverbot profitieren, sind die illegalen Händler“, kritisiert BAT. Die Regierung müsse entschlossen dagegen vorgehen und den legalen Markt wieder öffnen. In der Corona-Krise sollten Zigaretten nur in Läden verkauft werden, die sich an Hygiene- und Abstandsregeln hielten. Wenn sich Menschen auf der Suche nach ihrem täglichen Nikotin-Bedarf auf dem Schwarzmarkt tummelten, bestehe ein hohes Übertragungsrisiko.

          Dass die Geduld – und die heimischen Bestände – vieler Raucher nach sechs Wochen Ausgangssperre zur Neige gehen, merkt auch Max Kapido im „Superette“. Fast täglich kämen Kunden und fragten nach Zigaretten, erzählt der Manager. Wirtschaftlich seien die Auflagen für den Laden verheerend. Normalerweise erziele er 60 Prozent des Umsatzes mit Tabakprodukten. „Manche Leute bieten verrückte Preise. Aber auch wenn ich wollte, ich habe nichts mehr.“ Schon vor der Ausgangssperre hatten Kunden alle Zigarettenvorräte aufgekauft.

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