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Hanks Welt : Lügen mit der Corona-Statistik

Hantieren mit vielen Zahlen: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (links) und der Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler Bild: EPA

An Zahlen zum Zustand unseres Landes mangelt es nicht. Warum sogar ein steigender R-Wert ein Grund zur Freude sein kann.

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          Vergangene Woche, am 15. Juni, wurde gemeldet, dass in Deutschland 93 Menschen mit oder an Covid-19 gestorben sind. Fünf Monate zuvor, am 19. Januar, wurden 1734 Tote mit oder an Covid registriert. Ist die Meldung vom 15. Juni eine gute Nachricht? Kommt darauf an. Man kann das verneinen, weil hinter jedem einzelnen Tod ein individuelles Schicksal steckt, das sich nicht aufrechnen lässt. Zehn Tote sind nicht „besser“ als fünf Tote.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man kann aber sagen, relativ zum Januar steht Deutschland im Juni deutlich besser da. Man könnte sich zum Vergleich die Zahlen der Corona-Toten in anderen Ländern anschauen und sie auf jeweils 100.000 Einwohner beziehen, um dann zu entscheiden, ob Deutschland relativ zu anderen Ländern eher gut oder eher mittel durch die Krise gekommen ist. „Ziemlich gut“, würde das Ergebnis lauten – jedenfalls, was die Todeszahlen angeht. Schließlich könnte man sich fragen, wie viele Menschen in diesem Zeitraum „überlebt“ haben, weil es in Corona-Zeiten weniger Verkehrs- und Influenza-Tote gab. Daraus ließe sich die „Übersterblichkeit“ berechnen.

          Die Krux mit dem Durchschnitt

          Ich kann mich nicht erinnern, jemals derart auf Zahlen fixiert gewesen zu sein wie im vergangenen Jahr. Corona hat uns nicht nur zu einer Nation von achtzig Millionen Virologen gemacht, sondern auch zu einem Land mit Millionen von inkompetenten Statistikern Ich hoffe, die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) hat die Chance für ihr Fach erkannt: Wer sich oder seinen Kindern klarmachen will, dass wir in der Schule für das Leben lernen, soll sich an das vergangene Jahr erinnern. Da wurde anschaulich, welchen Beschleunigungseffekt exponentielle Entwicklungen haben. Und dass wir gut daran tun, Statistik ernst zu nehmen. „Es ist leicht, mit Statistik zu lügen. Noch leichter lügt es sich ohne Statistik“, sagt der Statistiker Frederick Mosteller.

          Mathe ist nicht gerade meine Stärke. Zum Glück muss ich mich damit aber nicht verstecken: Selbst gute Mathematiker behaupten von sich, sie seien in Mathe nicht gut. Um die Corona-Pandemie besser zu verstehen, sollte man wissen, was Zahlen sagen und was sie nicht sagen. Ohne Kontext sagen Zahlen wenig. Kontexte stellt man her, indem man Zahlen auf andere Zahlen bezieht. Wenn man Glück hat, wird Erkenntnis daraus. Der Kontext ist das eine. Der Durchschnitt ist das andere. Mein Schrecken angesichts der Meldung, die Corona-Pandemie habe bei uns allen zu einer Gewichtszunahme von 5,5 Kilo geführt, drehte sich in stolze Zufriedenheit nach einem Check auf der Waage. Ob an meiner Stelle jemand anderes um elf Kilo schwerer geworden sein könnte?

          Wie tricky Zahlen sind, habe ich gemerkt bei der Lektüre des gerade erschienenen Buches der Statistikexperten Tom und David Chivers, das den schönen Titel trägt: „How to Read Numbers“ (Wie man Zahlen liest). Das Buch liest sich vergnüglich, verlangt keine mathematischen Voraussetzungen, sondern nur einen klaren Kopf und bringt am Ende viele Aha-Erlebnisse.

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