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F.A.Z. exklusiv : Spediteure werfen Supermärkten Corona-Preisdumping vor

Lastwagen an der geschlossenen Raststätte Montabaur an der A3 Bild: dpa

Auch der Einzelhandel wird in der Krise gefeiert, weil er die Versorgung sicherstellt. Doch jetzt erheben die Spediteure heftige Vorwürfe: Es geht um Preisdumping und die schlechte Behandlung der Lastwagenfahrer.

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          Das Fuhrunternehmen Burlatus aus Maintal-Bischofsheim vor den Toren Frankfurts ist ein Familienbetrieb. Neun Lastwagen werden bewegt – Containerdienst und klassischer Fernverkehr. Gerade jetzt herrsche ein großer Zusammenhalt. Die Corona-Krise führt derweil zu neuen Verwerfungen, obwohl die Trucker derzeit zur Versorgung der Bevölkerung in vielen Teilen gefragt sind und als „Helden des Alltags“ große Wertschätzung erhalten.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Ich mache den Job seit 35 Jahren und habe so einige schlechte Zeiten erlebt“, sagt der Dispositionsleiter des Betriebs, Holger Moll. „Eine solche Phase wie jetzt aber gabs noch nie. Wir werden von den großen Auftraggebern dermaßen im Preis gedrückt. Das ist unanständig, was da passiert.“ Und viele namhafte Konzerne würden sich am Dumping beteiligen.

          „Unmoralisch, unethisch“

          Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), in dem die meisten vor allem kleineren und mittleren Speditionsunternehmen organisiert sind, kritisiert, dass Frachtraten in ganzer Breite derzeit gedrückt würden. „Das ist unmoralisch, unethisch und hat in dieser Krise nichts mit Solidarität zu tun“, sagte BGL-Chef Dirk Engelhardt der F.A.Z. „Einige, die sich in diesen Tagen in der Öffentlichkeit gerne dafür loben, dass sie das Land am Laufen halten, betätigen sich nach unten als Ausbeuter.“

          Gemeint sind auch Lebensmittelhandelsketten oder Logistikkonzerne. Zu den Leidtragenden gehörten vor allem mittelständische Fuhrunternehmen. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums in Berlin sagte auf Anfrage zu den Vorwürfen: „Jede Art von Dumpingverhalten schadet dem Markt und verursacht zudem soziale Missstände.“

          In die Illegalität abgerutscht

          Vom Verband der Spediteure hieß es am Montag weiter, eine Erhebung im BGL-Verbund von Baden, Württemberg und Bayern sei zu dem alarmierenden Ergebnis gekommen, dass Teile des deutschen Marktes in die Illegalität abgerutscht seien. Anders könne nicht mehr erklärt werden, weshalb in den einschlägigen Frachtenbörsen inzwischen für den innerdeutschen Markt dauerhaft Frachtentgelte angeboten würden, die weit unter Einstandspreisen lägen. Dies gelte auch für nicht eingehaltene Vorschriften beim Mindestlohn. „Politik, Ministerien und Kontrollbehörden werden aufgefordert, mit Hilfe der Fachverbände des Transportlogistikgewerbes eine zentrale Informationsplattform einzurichten, bei der offensichtlich illegale Frachtofferten erfasst, veröffentlicht und an die Länderbehörden gemeldet werden, um illegale Frachtanbieter dauerhaft vom Markt zu entfernen.“  

          Das Problem für Speditionen ist, dass derzeit in vielen Bereichen der Industrie die Bänder stillstehen und Transportaufträge wie von der Automobilbranche und den Zulieferbetrieben ausbleiben. Auch der Pendelverkehr zwischen Häfen und Betrieben ist mehr oder minder zum Erliegen gekommen. An den Frachtbörsen zeigt sich das Ungleichgewicht jeden Tag, wenn zeitweise 85 Prozent des verfügbaren Laderaums der Lastwagen auf dem Markt nicht gebucht werden.

          So gibt es Auftragsangebote für Fahrten, die eigentlich kein Fuhrunternehmer annehmen dürfte, weil damit nicht mal mehr der korrekte Mindestlohn für den Fahrer hinter dem Lenkrad am Ende gezahlt werden könnte. Ein Beispiel: Der Auftrag einer Fahrt mit voll beladenem Sattelzug über 718 Kilometer durch Deutschland und vier Entladestellen, für die zwei Tage kalkuliert werden müssten, soll am Ende mit 350 Euro bezahlt werden. Auch der Dieselkraftstoff und die Mautgebühren müssen davon bestritten werden.

          „Fahrer wie Aussätzige“

          In der vergangenen Woche sorgte der Fall eines großen Logistikkonzerns in Norddeutschland für heftige Branchenreaktionen. Dieser hatte offenbar aufgrund des geringeren Auftragsvolumens Fuhrbetrieben angeboten, sich „freiwillig als bevorzugter Unternehmer listen zu lassen“ – allerdings für einen Abschlag von 15 Prozent auf den Nettofrachtpreis. Nach vehementen Beschwerden lenkte der Konzern Hellmann Worldwide Logistics in Osnabrück ein und verabschiedete sich von der Idee. „Für diesen Fehler möchten wir uns entschuldigen“, hieß es auf Anfrage.

          Der Logistikdienstleister DB Schenker, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, gibt an, dass nur ein kleiner Teil der Fahrten über Börsen an Auftraggeber vergeben werde. Den überwiegenden Teil des Frachtverkehrs betreibe DB Schenker mit Rahmenvertragspartnern zu im Voraus festgelegten Preisen.

          Der Interessenverband der Speditionsunternehmen sieht das Preisdrücken weiterhin als weitverbreitetes Übel und hofft auf Signale aus der Politik. Über den neuen Heldenstatus der Trucker, die für die Versorgung der Menschen vor allem mit Hygieneartikeln und Lebensmitteln sorgen, gebe man sich zudem keiner Illusion hin, sagt Verbandschef Engelhardt. Den Brummi-Fahrern widerfahre in der Corona-Krise vor allem noch dort eine geringe Wertschätzung, wo die Ware abgeholt und umgeschlagen werde. „Manche Unternehmen behandeln die Fahrer wie Aussätzige“, sagt Engelhardt. Toiletten am Start- oder Zielort dürften wie Duschen nach anstrengenden Nachtfahrten nicht benutzt, Hände nicht gewaschen werden. Manchmal stehe vor dem Zaun gerade mal ein einziges dreckiges Mobil-Klo. Viele Auftraggeber fürchten, dass die Fahrer das Coronavirus einschleppen.

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