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Läden wieder dicht : Händler trauern um die Modellstädte

Hier greift die Notbremse: Restaurant in der Innenstadt von Saarbrücken Bild: dpa

Projekte mit Schnelltests und geöffneten Läden sind vorbei. Tübingen macht auch wieder dicht. Aber im Saarland geht es in einem Landkreis weiter.

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          In Tübingen ärgern sich Geschäftsinhaber über das Aus für ihre Modellvorhaben. Mehrere Wochen lang durften Kunden nach einem negativen Schnelltest und unter den üblichen Hygieneregeln in die Läden. „Die Menschen sind damit klargekommen“, sagt Christian Klemp, Geschäftsführer des Modehauses Zinser mit Sitz in Tübingen. Mit den neuen Bundesregeln für die Corona-Pandemie endet in dieser Woche die Öffnung der Läden. „Ich bin traurig darüber, dass man eine Chance verliert, den Modellversuch weiter zu begleiten.“ Das Modehaus schaltet um auf Kurzarbeit, und die Innenstadt ist still wie zuvor.

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Jannik Waidner
          Redakteur in der Wirtschaft

          Grund für den Stopp des Tübinger Modells ist das neue Corona-Gesetz, die bundesweite „Notbremse“. Nicht nur Tübingen ist betroffen. Auch andere Städte haben sich daran versucht, Geschäfte wieder für Menschen aufzumachen, die aktuell einen negativen Schnelltest vorweisen konnten. Jetzt ist Schluss mit der angestrebten Rückkehr zu einer gewissen Normalität in den Einkaufsstraßen, auch wenn in den Läden nur eine begrenzte Zahl an Personen erlaubt war und Abstands-, Masken- und Desinfektionsregeln galten. In Hessen stoppte Alsfeld die geöffneten Geschäfte in der Innenstadt zuvor nach kurzer Zeit wieder, weil die Corona-Zahlen im Landkreis zu hoch waren. Die Stadt Augustusburg in Sachsen hatte immerhin drei Wochen lang Gaststätten, Hotels und Museen für Personen mit einem negativen Schnelltest auf. Bürgermeister Dirk Neubauer (SPD) berichtet von konstanten Infektionszahlen im Ort und wartet jetzt auf die wissenschaftliche Auswertung.

          In Tübingen soll das Schnelltest-Verfahren gut funktioniert haben. Einzelhändler und Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) verweisen darauf, dass die Inzidenz in der Stadt meist unter 100 gelegen hat. Kritiker des Modellversuchs geben aber an, dass die Inzidenzwerte trotz allem auch in Tübingen angestiegen sind. Dem entgegnet Modehändler Klemp, dass in Tübingen auch viel mehr getestet wird und daher die Dunkelziffer sinkt. „Wir haben einige Filialen, die sind seit Wochen zu, da sind die Inzidenzen auch nicht besser als in Tübingen“, sagt er.

          Niedrige Werte helfen Tübingen nicht

          Die Öffnungen mit Schnelltests waren für viele Einzelhändler ein Anker in schwierigen Geschäftszeiten. „Die Modellversuche waren und sind ein wichtiges Signal für die Händler und die Kunden, dass es mehr geben muss als einfach nur eine Schließung der Geschäfte“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE. Der Einkauf berge nur ein geringes Infektionsrisiko, sagt er und verweist dazu auf das Robert-Koch-Institut und die TU Berlin. Insofern sei es nicht zu verstehen, dass jetzt Modellversuche für den Einzelhandel einfach abgebrochen würden. „Damit wird auch die Chance vertan, möglichst viele Tests durchzuführen und einen Beitrag zur Eindämmung dieser Pandemie zu leisten.“

          Auch eine Forschergruppe um die Virologin Melanie Brinkmann – Befürworterin der No-Covid-Strategie, die eine Sieben-Tage-Inzidenz im einstelligen Bereich anstrebt – kommt zu dem Urteil, dass eine Fortsetzung unter strenger Beobachtung verantwortbar sei. In Tübingen sei es offenbar gelungen, dass die Zahl der Neuinfektionen seit April „auf einem hohen Level stagniert beziehungsweise abnimmt“. Für das Aus in Tübingen sorgen allerdings die hohen Inzidenzwerte im Landkreis Tübingen, nach denen die Geschäfte nach dem neuen Corona-Bundesgesetz geschlossen sein müssen. Selbst die niedrigeren Werte in der Stadt Tübingen ändern daran nichts.

          Allerdings berichtet der Handelsverband davon, dass sich Ladenöffnungen mit Testpflicht vielerorts wirtschaftlich nicht rechnen. Händler, die nur für Kunden mit negativem Corona-Test da sein durften, berichten demnach von mehr als 60 Prozent Umsatzeinbußen im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten. Beim Einkaufen mit Terminvereinbarung lagen die Umsatzverluste bei 47 Prozent. „Dennoch ist beides ein möglicher Weg, um Kunden zu halten und Verluste abzufedern“, sagt Genth. „Wir brauchen jedoch zwingend die Perspektive nach vorn, raus aus dem Lockdown, für ein sicheres Einkaufen mit funktionierenden Hygienekonzepten.“

          „Die Händler sind traumatisiert“

          Auch das Saarland muss die nach Ostern begonnene Öffnung, das „Saarland-Modell“, nun fast überall aussetzen. Nur im Saarpfalz-Kreis darf das Modell mit Schnelltests vorerst weitergehen, denn dort lag die Sieben-Tage-Inzidenz noch nicht an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100. In den übrigen Kreisen schon, weswegen dort das neue Corona-Gesetz des Bundes greift: Bis zu einer Inzidenz von 150 ist noch Terminshopping mit negativem Test möglich, darüber muss der Einzelhandel jenseits des „erweiterten täglichen Bedarfs“ geschlossen werden. Nur noch Click&Collect, also bestellen und abholen, ist dann erlaubt. Das trifft viele Händler in den Innenstädten.

          „Die Händler sind aktuell traumatisiert“, sagt Fabian Schulz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Saarland. „Es hatte vorher schon wieder Hoffnungsstimmung geherrscht, das ist jetzt komplett gekippt.“ Mit dem Testmodell hätten die Läden in den Innenstädten, Lebensmittelhandel ausgenommen, immerhin rund 25 Prozent ihres Vor-Corona-Umsatzes erwirtschaftet. Wo nur Click&Collect erlaubt ist, liegt der Umsatz laut Schulz lediglich zwischen 7 und 10 Prozent. „Die Händler, die sich bei uns melden, sind oft wütend und verärgert“, sagt Schulz. Die Regeln seien vielen kaum verständlich: „Manche fragen: Warum muss der Kreis vor einer Wiedereröffnung fünf Werktage in Folge unter der Inzidenzgrenze bleiben, aber für die Schließung reichen immer drei Tage über der Grenze aus?“

          Auch das Testmodell war weit entfernt vom Normalzustand. Doch trotz aller Einschränkungen lobt Christian Riethmüller, Inhaber der Buchhandlung Osiander mit 65 Filialen in Deutschland und dem Stammsitz in Tübingen, dass Kunden in die Läden gekommen sind. Er sagt, mit dem Tübinger Modell seien nicht so viele Kunden in den Laden gekommen wie unter normalen Umständen ohne Testpflicht, aber deutlich mehr als mit den Vereinbarungen zum Abholen, „Click and Collect“, oder mit Termin, „Click and Meet“. In beiden Fällen sei der Aufwand höher als der Ertrag. „Dafür ist einfach zu wenig los“, sagte er. In Speyer und in Hessen darf er noch vier Filialen öffnen, die 61 anderen Läden in Baden-Württemberg und Bayern dürfen nur mit Termin- oder Abholvereinbarung aufmachen. So spricht er von einem deutlichen Umsatzverlust.

          „Besser als ganz zu schließen“

          Im Modehaus Zimser war vor allem zu Beginn des Tübinger Modells viel los. Anfangs lag der Umsatz eines Wochentages auf dem Niveau eines in der Regel belebteren Samstags und der Samstag lief wie im Weihnachtsgeschäft. Dann folgten Einschränkungen des Modells, das anfangs Handel, Außengastronomie und Kultur erlaubte: Nur noch Einwohner der Stadt sollten einkaufen, danach ging der Umsatz um 30 Prozent runter. Die Außengastronomie wurde untersagt, der Umsatz sank um 40 Prozent.

          Vom Geschäft her wurde für das Modehaus ein Wochentag nur noch ein schlechter Wochentag und der Samstag zu einem mittleren Wochentag. „Aber immer noch besser als ganz zu schließen“, sagt Klemp. „Wir können trotzdem Menschen arbeiten lassen und Ware verkaufen.“

          Dennoch hat er in der Innenstadt bemerkt, wie Passanten sich weniger an Abstand halten und Masken tragen. „Die Menschen neigen dazu, auch schnell die Regel nicht mehr zu beachten“, sagt er. In den Geschäften sei das besser, weil sie dort die Kontrolle haben. „Die Kunden haben zu mir gesagt, dass das hier die sichersten Plätze sind.“ Hier sind alle Mitarbeiter und Passanten getestet. Jetzt aber endet das Modellprojekt – nicht nur in Tübingen.

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