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Kein Urlaub mehr : Thailand droht die wirtschaftliche Katastrophe

Buddhistische Mönche beten am Dienstag in Bangkok. Die Plastikvisiere sollen die Ausbreitung des Coronavirus verhindern. Bild: EPA

Deutsche Urlauber lieben das Königreich – normalerweise. Das Virus hat das Land in einen Ausnahmezustand gestürzt. Der König hat seine eigene Art, damit umzugehen.

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          Das liebste Urlaubsland der Deutschen in Asien treibt in die wirtschaftliche Katastrophe: Thailand dürfte in diesem Jahr so stark schrumpfen wie zuletzt während der Asienkrise 1998. Der König hat sich derweil mit seinem Hofstaat nach Bayern in Sicherheit gebracht.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die zweitgrößte Volkswirtschaft Südostasiens, abhängig von Touristen wie kein anderes Land der Region, hatte im vergangenen Jahr unter einer extremen Dürre gelitten. Den Handelskonflikt zwischen Amerika und China bekam seine Industrie zu spüren. Und wegen Corona sind nun Hunderttausende von legalen und illegalen Gastarbeitern zurück nach Burma, Laos oder Kambodscha geflüchtet, was die Fertigung belastet. Zudem ist das Geschäft mit den Gästen vollständig zusammengebrochen.

          Kein Bereich der thailändischen Gesellschaft bleibt verschont: Auch die Elefantenführer bitten nun um Hilfe. Die rund 4000 Dickhäuter in Gefangenschaft, in normalen Zeiten für Ausritte mit Touristen genutzt, brauchen bis zu 200 Kilogramm Futter am Tag. Das aber können ihre Halter ohne Einnahmen nicht mehr bezahlen. Schon grassiert die Furcht, die Tiere müssten an die illegalen Holzfäller verkauft werden, die sie beim verbotenen Schlagen von Tropenholz nutzen.

          Das Land schließt nun seine Grenzen für Ausländer. Die berühmte und teilweise auch berüchtigte Insel Phuket hat schon am Samstag ihre Strände und ebenso ihr Rotlichtviertel dichtgemacht. Der Flughafen Phuket bleibt bis Ende April geschlossen. Mehr als ein Fünftel der thailändischen Wirtschaftsleistung aber hängt am Tourismus, ein Drittel davon an Chinesen, die schon vor Weihnachten nicht mehr gereist sind. Die Stärken von Thailands Industrie – Automobilbau und Elektronik – spüren die zusammengebrochene Nachfrage in Europa, China und Amerika.

          Patong Beach auf Phuket: Normalerweise von Touristen überlaufen, jetzt gesperrt.

          Die Weltbank fasst die Befürchtungen in einem Satz zusammen: „Die Wirtschaft wird in diesem Jahr durch den Einfluss von Corona schrumpfen, weil die Außennachfrage bei Handel und Tourismus sinkt, die Lieferketten unterbrochen sind und der heimische Konsum schwächelt.“ Für Thailand ist es der perfekte Sturm: Die Militärregierung, die sich vor fast genau fünf Jahren an die Macht geputscht hatte, tat sich in ihren Jahren nur durch die Ankündigung großer Entwicklungspläne hervor – erreicht hat sie wirtschaftlich wenig. Seit sie sich durch umstrittene Verfassungsänderungen zu einem Zivilregime gehäutet hat, geht es nun wirklich bergab, denn Antworten auf die Herausforderungen kennen die Generäle im Anzug nicht.

          Das erhöht die Gefahr von Aufruhr, der immer wieder schwelt. Bislang steuerte die Regierung mit Barzahlungen und Subventionen gegen, die sich auf 517 Milliarden Baht (14,3 Milliarden Euro) oder 3,1 Prozent der Wirtschaftsleistung summieren. Zum Vergleich: Der reiche Stadtstaat Singapur oder Australien liegen inzwischen bei gut 11 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für den Kampf gegen Corona. Ein drittes Pakete der Regierung in Bangkok steht zu erwarten. Der Finanzminister deutet an, es solle größer als die Summe der beiden vorherigen sein. Raum dafür hat die Regierung, da die private Verschuldung zwar sehr hoch liegt, der Staat aber Reserven für gut elf Monate Einfuhr hat.

          Fahrgäste in einem Zug in Bangkok: Jeder zweite Platz ist gesperrt.

          Die Wachstumsrate des Königreichs halbierte sich fast, von 4,2 Prozent 2018 auf nur noch 2,4 im vergangenen Jahr. Für dieses Jahr befürchtet die Weltbank nun ein Schrumpfen von bis zu minus 5 Prozent – der stärkste Rückgang eines asiatischen Landes und für ein Schwellenland, das in normalen Zeiten ein Wachstumspotenzial von rund 5 Prozent im Jahr hat. In einem Wort: eine Katastrophe.

          Die Bank of Thailand hat ihre eigene Vorhersage gerade sogar von einer Wachstumsrate von 2,8 Prozent für dieses Jahr auf ein Schrumpfen um 5,3 Prozent zurückgenommen. Rob Subbaraman, Chefvolkswirt der Bank Nomura, will eine Katastrophe nicht ausschließen: „Es könnte zu einem zweistelligen Rückgang der Wirtschaftsleistung auf ein Minus von 10,1 Prozent kommen, was noch nie vorgekommen und schlimmer ist, als der Einbruch während der Asienkrise 1998.“ In jenen Jahren, als die thailändische Wirtschaft, getrieben durch die Überschuldung, zusammenbrach und wohlsituierte Damen in Bangkok ihre Hermès-Handtaschen verkauften mussten, schrumpfte Thailand um 7,1 Prozent.

          Obwohl Touristen in Bangkok oder an den Stränden normalerweise wenig davon sehen, steigt damit sogar die Armutsrate in Thailand wieder: „Sie dürfte 2022 über den Werten von 2015 liegen“, heißt es bei der Weltbank. Als Beispiel gilt ausgerechnet die Touristenhochburg Phuket: „2018 war Phuket die einzige Region, in der die Armutsrate über dem Wert des Jahrs 2000 lag – der Grund dafür war der Rückgang der Gäste nach einem Bootsunfall.“ Corona aber dürfte weit tiefere Spuren hinterlassen als ein Bootsunfall.

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