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Schutz gegen Corona-Virus : „Der Impfstoff wird uns nicht in eine neue Zeit katapultieren“

„Unternehmen können beispielsweise die Impfung anbieten und Opt-out-Verfahren nutzen“, so Fehr. Bild: Biontech

Verhaltensökonom Gerhard Fehr ist überzeugt, dass sich freiwillig nicht genug Menschen gegen das Coronavirus impfen lassen. Er fordert eine Impfpflicht.

          2 Min.

          Herr Fehr, Impfstoffhersteller melden Fortschritte. Sind Sie zuversichtlich, dass Corona bald besiegt sein wird?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Leider nicht.

          Warum? Immerhin sagen etwa 70 Prozent der Deutschen, dass sie sich gegen Corona impfen lassen würden.

          Die tatsächliche Impfrate wird viel niedriger sein. Wir Verhaltensökonomen unterscheiden zwischen angegebenen Präferenzen und tatsächlichem Verhalten. Das ist so ähnlich wie Silvester, da sagen auch sehr viele Menschen, dass sie mehr Sport treiben und abnehmen wollen. Und dann machen sie es auch nicht.

          Was schätzen Sie, wie viele Menschen sich am Ende impfen lassen werden?

          35 Prozent vielleicht. Wenn wir Pech haben, nur 20 Prozent. Das reicht nicht.

          Aber ist bei Corona der Anreiz nicht viel größer, sich impfen zu lassen, weil jeder weiß, dass es hilft, wenn sich viele impfen lassen, und man sich danach wieder viel freier bewegen kann?

          Das wäre ein sogenannter positiver Ansteckungseffekt. Aus der Forschung wissen wir aber, dass es viel wahrscheinlicher eine Negativspirale geben wird, das „Trittbrettfahrertum“. Menschen lassen sich nicht impfen, weil sie sehen, dass es genügend andere auch nicht tun. Je mehr Menschen so denken, desto niedriger die Impfrate.

          Glauben Sie nicht, dass die Menschen diese Negativdynamik durchblicken?

          Diese Kausalkette ist gar nicht so trivial, und ich bin leider nicht optimistisch. Die Menschen und leider auch die Politiker lernen in dieser Krise viel zu langsam.

          Was kann Nudging, also kleine Stupser, die das Verhalten ändern, ohne Zwang auszuüben, daran ändern, dass die Menschen sich nicht impfen lassen?

          Sehr wenig – hinsichtlich dem Lösungsbeitrag bei der Corona-Impfung würde ich sogar so weit gehen, dass Nudging absolut nichts dazu beitragen kann, dass die Krise schnell durch Impfen ausgestanden ist.

          Wie bitte? Wir dachten immer, Nudging wäre so eine Art Wunderwaffe, die Menschen auf die sanfte Art lenkt?

          Es gibt schon Möglichkeiten. Unternehmen können beispielsweise die Impfung anbieten und Opt-out-Verfahren nutzen, bei denen sich Mitarbeiter aktiv gegen eine Impfung entscheiden müssen. Das kann die Impfrate erhöhen, aber nur langsam. Der Impfstoff wird uns nicht in eine neue Zeit katapultieren, wenn nicht komplementär eine Impfpflicht eingeführt wird.

          Sie sind also für solch einen tiefen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, den in Deutschland schon ranghohe Politiker ausgeschlossen haben?

          Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss. Letztlich stellt sich ein Güterabwägungsproblem: Wir können die Krise möglicherweise durch einen Impfstoff schnell beenden. Wie hoch sind die Kosten, wenn wir das nicht tun? Und welche Eingriffe würden wir in Kauf nehmen, damit es bald vorbei ist? Persönlich hätte ich die Krise gern so schnell wie möglich beendet und fürchte, dass wir ohne Pflicht nicht auf die erforderlichen Raten kommen.

          Werden Sie und Ihre Mitarbeiter von Regierungen dazu konsultiert?

          Nein, unsere Auftraggeber sind im Moment Unternehmen, die wissen wollen, wie sie es schaffen, dass sich ihre Mitarbeiter an Verhaltensregeln und Maskenpflicht halten.

          Und was sagen Sie denen?

          Es ist immer ein Strauß von Maßnahmen, Nudges sind immer dabei. Eine klassische Nudging-Methode ist es, Feedback zu erleichtern: Niemand sagt seinem Kollegen gern persönlich, dass er doch bitte seine Maske aufsetzen soll. Wenn man aber Masken mit der Aufschrift „Super, dass du eine Maske trägst“ verteilt, kann man diese unangenehme Situation vermeiden. Das wirkt.

          Gerhard Fehr ist Verhaltensökonom und leitet FehrAdvice & Partners.

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