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Lehren aus der Pandemie : Wie die EU Impfstoff künftig besser beschaffen kann

Impfstoff gegen Corona: Mitarbeiter des Gesundheitswesens bereitet in einem Krankenhaus in Madrid die Spritzen dafür vor. Bild: dpa

Amerika lag mit seinen Investitionen in die Impfstoff-Produktion richtig. Brüssel will das mit einer eigenen Förderbehörde nachahmen. Doch dafür müssten Abstimmungsprobleme unter den Mitgliedstaaten enden.

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          Ein Jahr ist es her, da gab der damalige Chef des französischen Impfstoffherstellers Sanofi Pasteur, David Loew, der F.A.Z. ein bemerkenswertes Interview: „Wenn Europa nicht in die Gänge kommt, wird es extrem geschwächt dastehen.“ Und: „Die geopolitischen Blöcke, die als erste einen Impfstoff haben, kommen als erste auch aus der Wirtschaftskrise heraus“, sagte der Manager, der auch eine zweite Viruswelle für Herbst prognostizierte. Zwei Tage später, am 24. April 2020, legte der britische Sanofi-Vorstandsvorsitzende Paul Hudson nach: „Gut möglich, dass wir die Amerikaner zuerst impfen“, kündigte der Chef des größten Pharmakonzerns in der Europäischen Union an. Denn deren Regierung hätte die Industrie breit bezuschusst und früh bestellt.

          Was danach folgte, ist bekannt: Die Warnungen von Sanofi, dass Europa im Impfstoffrennen zurückfalle, haben sich als berechtigt erwiesen. Nur sein Versprechen, bis Mitte 2021 einen eigenen Impfstoff zu entwickeln, hat der Konzern nicht eingelöst. Aufgrund einer fehlerhaften Zulieferung und möglicherweise mangelnder Qualitätskontrolle schlugen die ersten Tests fehl, so dass mit dem Sanofi-Impfstoff jetzt erst gegen Jahresende zu rechnen ist. Zu solchen Verzögerungen kann es im Impfstoffgeschäft immer kommen; die Risiken erhöhen sich noch, wenn es schnell gehen muss. Sanofi – und die potentielle Kundschaft – haben in dieser Hinsicht wohl einfach auch Pech gehabt.

          Der Rückblick lohnt sich, denn es gilt Lehren daraus zu ziehen. Die Einschränkung, im Nachhinein sei man immer schlauer, kann nur teilweise gelten. Die Alarmsignale waren da. Dem Pharmahersteller Sanofi ist es anzurechnen, dass er damals den Mund weit aufgemacht hat – anders als seine Konkurrenten. Man weiß heute: Der amerikanische und britische Ansatz war richtig, auf breiter Fläche staatlich in die Impfstoff-Produktion zu investieren. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen früherer Pandemien setzten die Regierungen auf verschiedene Technologien, ohne den Gewinner zu kennen. Das Impfstoff-Geschäft ist leider kein Selbstläufer. Die Unternehmen scheuen die Risiken, auch weil in der Vergangenheit einige auf ihren Beständen sitzengeblieben sind.

          Gier frisst Ethik – oder doch nicht?

          In der EU hat man zu lange gebraucht, um diese Zusammenhänge zu verstehen. Dafür verantwortlich ist auch ein industriefeindliches Klima, in dem Unternehmen gerne als Subventionsbettler anprangert werden. „Gier frisst Ethik“, hatte die Vizepräsidentin des Europaparlaments Katarina Barley (SPD) getwittert, nachdem der Sanofi-Chef von der Erstbelieferung der Vereinigten Staaten sprach.

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          Es stimmt, dass die Pharmaindustrie erhebliche öffentliche Mittel erhält. Doch den Unternehmen und ihren Aktionären Gier zu unterstellen war im vergangenen Jahr besonders fehl am Platz, allein Pragmatismus wäre die richtige Leitschnur gewesen. Der französische Präsident Emmanuel Macron bezeichnete den Kampf gegen die Pandemie als Krieg. Eine Kriegswirtschaft ist immer auch eine Kommandowirtschaft. Man hat es in dieser Pandemie dennoch zum Glück vermieden, die EU-Impfstoffhersteller einem staatlichen Diktat zu unterwerfen. Das wäre kontraproduktiv gewesen. Wie hoch ist wohl die Einsatzbereitschaft, wenn sie vor allem auf Zwang beruht? Was zählt, sind positive Anreize – Absatzgarantien, Geschwindigkeitszuschläge und regulatorische Freiräume. Sie helfen, wenn schnelle Ergebnisse nötig sind.

          Die EU hat sich stattdessen auch an der Diskussion über Zuständigkeiten aufgerieben. Die nationalen Regierungen tragen hier große Verantwortung. Berechtigt ist auch die Frage, ob es nicht schneller gegangen wäre, wenn zunächst die nationalen Regierungen gehandelt hätten. Solidarisch hätte man den Impfstoff immer noch verteilen können, nachdem er geliefert worden wäre. Auf der anderen Seite führt die Bündelung auf der EU-Ebene zu größerer Verhandlungsmacht. Kleinere Unternehmen wenden zudem ein, sie könnten nicht mit 27 Nationen gleichzeitig verhandeln.

          Die EU will daher jetzt mit einer eigenen Förderbehörde das amerikanische Vorbild nachahmen, die mit weiten Vollmachten ausgestattete Behörde Barda (Biomedical Advanced Research and Development Authority). Das erscheint aber nur sinnvoll, wenn es der EU gelingt, die Kompetenz- und Abstimmungsprobleme unter den Mitgliedstaaten zu lösen. Nur wenn sie dieses Handicap überwindet, kann eine europäische Barda schlagkräftig genug sein, nur dann macht sie den Aufbau nationaler Expertise entbehrlich. Zur Expertise gehört es dabei auch, der Industrie genügend Gehör zu schenken. Entscheidend ist die Orientierung an Ergebnissen, nicht an Ideologie oder Wunschdenken.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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