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Tourismus in Österreich : Ohne die Deutschen geht es nicht

Kufstein in Tirol: Wann kommen die Touristen wieder? Bild: dpa

Die Hoffnung auf den Sommerurlaub dürften viele Menschen schon aufgegeben haben. Nun denkt Österreich darüber nach, die Grenzen für deutsche Urlauber zu öffnen. Nur: Wie soll das gehen?

          3 Min.

          Platz ist genug, sogar mehr als genug. Österreichs Hotels, Pensionen und Berggasthöfe wären nicht einmal dann halbwegs ausgelastet, wenn alle Österreicher ihre Ferien in diesem Jahr Corona-bedingt im Inland verbrächten. Das zeigt schon der Blick in die amtliche Statistik: Drei Viertel der 153 Millionen Übernachtungen hatten im vergangenen Jahr Ausländer gebucht, die Hälfte davon entfiel auf Nachbarn aus dem Norden. Genau waren es 56.682.597 Millionen Buchungen, gut fünfmal so viele wie die nächstfolgende Gruppe der Niederländer. Das zeigt: Ohne die Deutschen geht es nicht.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Der Tourismusforscher Andreas Reiter bringt es so auf den Punkt. Blieben die Grenzen zu, „dann wäre der Fremdenverkehr tot“, sagte er der "Kleinen Zeitung". Zwei Drittel der Tourismusbetriebe des Landes könnten das Ausbleiben der wichtigsten Gästegruppe, die mehr als die Hälfte der Umsätze bringe, nicht überleben.

          Gesundheitszeugnisse und Corona-Tests?

          Das weiß auch Österreichs Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP). Zwar blieben die Einschränkungen der Reisefreiheit in den nächsten Monaten noch erhalten, hatte sie der „Presse am Sonntag“ gesagt, aber auch einen Ausweg skizziert: „Wenn Länder aber auch auf einem sehr guten und positiven Weg sind, wie beispielsweise Deutschland, dann gibt es durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich bilateral einigt."

          Wie das gehen könnte, ist offen: Aktuell bestehen beide Länder darauf, dass Besucher, so ihnen die Einreise überhaupt erlaubt wird, in der Regel zunächst für zwei Wochen in die heimische Quarantäne gehen müssen. Allerdings sind die Warnungen der deutschen Behörden vor touristischen Reisen eindringlicher, die Ausnahmen der Österreicher weitergehender. Es steht die Frage im Raum, ob Gesundheitszeugnisse oder negative Corona-Test-Ergebnisse künftig die Voraussetzung für eine Erlaubnis zur Einreise werden.

          Der wirtschaftliche Druck ist immens. Selbst wenn von Mitte Mai an nach dann zweimonatigem Stillstand auch Hotels wieder schrittweise öffnen dürften, blieben die wirtschaftlichen Folgen trotz Nothilfen, Kreditabsicherung und Kurzarbeitergeld groß. Der direkte Anteil der Tourismusindustrie am Bruttoinlandsprodukt betrugt 2017 laut Statistik Austria 6,4 Prozent. In der weiteren Abgrenzung mit Geschäftsreisen und Freizeitindustrie betrug der Anteil sogar knapp 16 Prozent oder 59 Milliarden Euro. Gesunken sein dürfte der Anteil angesichts der boomenden Tourismuswirtschaft nicht.

          „Ihr habt's doch an klescher“

          Ob Österreich „uns“ jetzt den Sommerurlaub erlaubt, wie die „Bild-Zeitung“ fragte, bleibt allerdings unklar. „Der Wunsch nach einer Möglichkeit für Tourismus ist nachvollziehbar, allerdings abhängig von der Entwicklung der Corona-Pandemie in Österreich und international“, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Man werde „zu gegebener Zeit die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen prüfen." Offenbar halten nicht alle Ressorts der türkis-grünen Regierung die Zeit für eine solche Debatte derzeit für gegeben. Immerhin konkretisierte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP)n im amerikanischen Fernsehen die Gedankenspiele um eine Öffnung von Restaurants ab Mitte Mai: Bedienung nur mit Maske.

          In den Kommentarspalten österreichischer Boulevard-Onlinemedien kam der Plan der Grenzöffnung für den Tourismus nicht so gut an. Unter den Kommentaren mit den meisten Zustimmungen finden sich nach einer Übersicht des Portals „Meedia“ solche wie „Ihr habt‘s doch alle schon an klescher!! Wir dürfen nirgends hin aber wir lassen die anderen wieder rein! Und dann fängt der ganze Zirkus wieder von vorne an?“ oder „Ich verzichte auf meinen Kroatien Urlaub, wenn ich mit meiner Familie in das Feriendorf am See fahren darf, aber ich sehe nicht ein das die deutschen Ausnahmen bekommen sollen?“

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          Auch die Opposition reagiert wenig erfreut. Nötig sei „eine gemeinsame europäische Lösung für den Tourismus“, schreibt die Europaabgeordnete Claudia Gamon (Neos). „Wenn jedes Mitglied der Europäischen Union seine eigenen Regeln aufstellt, dann droht zur aktuellen Krise auch noch ein völliges Sommerchaos.“ Für ein europaweit abgestimmtes Vorgehen hatte sich auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorige Woche ausgesprochen.

          Danach sieht es allerdings derzeit noch nicht aus. Während Tschechiens Außenminister Tomas Petricek laut über eine Lockerung der Reisebeschränkungen für Pendler und Geschäftsreisen nachdachte („Ich denke, die die ersten Länder, zu denen wir die Grenzen mit beiderseitiger Zustimmung öffnen werden, könnten Österreich und die Slowakei sein.“), verschärfte die Slowakei ihre Gesundheitskontrollen an den Grenzen. Vom 1. Mai an müssen Pendler zwischen der Slowakei und Österreich einen negativen Coronavirus-Test vorlegen, der nicht älter als 30 Tage sein darf. Andere dürfen ohnehin nicht einreisen.

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