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Corona-Politik : Macht diese Fehler nicht noch mal!

Da konnte man Corona schon fast vergessen: ein Archivbild aus dem Mai 2020 Bild: dpa

Noch ein paar Wochen, dann ist die Pandemie vorbei? Die Hoffnung wächst. Doch jetzt können schwere Fehler gemacht werden. Deutschland droht ein heißer Herbst.

          2 Min.

          Es ist eine gefährliche Zeit in der Pandemie. Jenseits aller Sorgen um belegte Intensivbetten verbreitet sich die Hoffnung, dass es bald vorbei sein könnte. Die Notbremse ist verabschiedet, wenn auch mit Mängeln, jetzt nur ein paar Wochen noch durchhalten, dann sind wir doch alle geimpft. Im Sommer sitzen wir wieder im Biergarten – so haben es schließlich Olaf Scholz und Kanzleramtsminister Helge Braun versprochen. Und Kanzlerin Merkel sagt in ihrer aktuellen Videobotschaft: „Noch einmal“ sei ein Lockdown nötig, bevor die Impfkampagne greift. Es ist genau diese Zeit, in der die größten Fehler gemacht werden.

          Im vergangenen Sommer war es schon so. Die große Pandemiewelle war überwunden, die zweite Welle war nur ein theoretischer Gedanke im Hinterkopf – so theoretisch, dass die Vorbereitungen mangelhaft blieben. Europas Engagement für die Bestellung und vor allem die Herstellung von Impfstoffen blieb weit hinter dem amerikanischen zurück. Konzepte für Schulen, Museen und Universitäten wurden kaum ausgearbeitet. Das war nicht nur die Schuld der Regierungen. Auch viele Wissenschaftler und die übrige Öffentlichkeit guckten anderswohin, kaum jemand kritisierte die Sorglosigkeit. Als der Herbst kam, war Deutschland auf das Virus kaum besser vorbereitet als im Frühling. Selbst nach einem Jahr Pandemie ist Deutschland darauf zurückgeworfen, das Virus mit Ausgangssperren und Schulschließungen zu bekämpfen.

          Es braucht viele unterschiedliche Impfstoffe

          Dieses Mal muss es besser gehen. Die Gefahr ist nicht vorbei. Wenn die Pandemie die Menschen eines gelehrt hat, dann das: Was sie zu wissen glauben, das kann ziemlich schnell veraltet sein. Niemand weiß, welche Mutationen das Virus noch entwickelt und ob mal eine dabei ist, die selbst die Impfstoffe von Biontech und Moderna unterläuft. Ob in den kommenden Wochen noch Nebenwirkungen entdeckt werden, das wissen nur Hellseher. Jugendliche und Kinder können Stand jetzt noch überhaupt nicht geimpft werden. Die nötigen Studien laufen noch. Bis zum nächsten Schuljahr werden die meisten ihre Spritzen noch nicht bekommen haben. Dabei wird die ersehnte Herdenimmunität ohne Jugendliche kaum zu erreichen sein. Doch niemand kann heute sicher sagen, welcher Impfstoff bei ihnen am besten wirkt.

          Was tut man in so einer Lage? Idealerweise beschafft man viele Dosen von vielen Herstellern, insgesamt viel mehr als eigentlich benötigt. Wenn man hinterher nicht alle braucht, kann man den Rest verschenken. Aber was macht die Europäische Kommission? Sie konzentriert die Nachbestellungen auf Biontech und Moderna. Was Astra-Zeneca und Johnson & Johnson angeht, ist der Elan überschaubar.

          Deutschland braucht Test-Strategien wie in Tübingen

          In Tübingen lief ein Test dazu, ob sich Läden und Kultureinrichtungen für getestete Menschen öffnen lassen – ein Projekt, das bei einem Erfolg künftige Lockdowns viel erträglicher machen würde. Anfangs gingen die Inzidenzen nach oben, doch der Trend brach schnell. Inzwischen gibt es Zwischenanalysen von drei unterschiedlichen Wissenschaftlerteams. Dabei ist auch die besonders hart gegen das Virus kämpfende Melanie Brinkmann. Alle Teams empfahlen die Fortsetzung des Versuchs. Doch die Bundes-Notbremse lässt solche Ausnahmen nicht mehr zu. Von Montag an ist Tübingen dicht. Ob man künftige Lockdowns mit Hilfe von Tests erträglicher machen kann? Deutschland wird es nicht so schnell erfahren.

          Diese Fehler sind schon gemacht worden. In den kommenden Wochen drohen noch weitere, wenn sich die Hoffnung auf das Ende der Pandemie ausbreitet. Bundes- und Landesregierungen dürfen jetzt aber nicht nachlassen. Sie müssen Konzepte für guten Unterricht in Pandemiezeiten entwickeln, der auch das nötige Maß an Präsenz erlaubt. Sie müssen sicherstellen, dass Tests und Analysegeräte beschafft werden, nicht nur für Schnelltests, sondern für die sichereren PCR-Tests und mögliche neue Techniken, damit Öffnungen im Herbst nicht schon wieder an mangelnder Testkapazität scheitern.

          Macht das Arbeit? Ja! Ist das teuer? Und wie! War all der Aufwand am Ende vielleicht umsonst? Das hoffen wir! Trotzdem ist alles besser und billiger als weitere Lockdowns.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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