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Noch härterer Lockdown? : Zero Covid ist auch keine Lösung

Nichts mehr los: Auch das Brandenburger Tor zieht keine Menschenmassen mehr an. Bild: dpa

Neben Virologen fordern auch einige Ökonomen, Corona mit einem noch härteren Lockdown auszumerzen. Doch die Psychologie könnte ihnen einen Strich durch die Rechnung machen.

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          Sie sind noch nicht viele, aber sie werden mehr und lauter: die Anhänger der Strategie „Zero Covid“. Den aktuellen Lockdown halten sie noch für viel zu mild, das Ziel der Bundesregierung, die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert unter 50 zu drücken, für zu unambitioniert. „Das Ziel darf nicht in 200, 50 oder 25 Neuinfektionen bestehen – es muss Null sein“, heißt es in einem Aufruf, der gegenwärtig in sozialen Netzwerken viel Aufmerksamkeit erfährt. Rund 86.000 Unterschriften haben die Organisatoren, darunter Pflegekräfte, Künstler, aber auch Wissenschaftler, schon gesammelt.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Ähnliche Forderungen teilen auch Berater der Bundesregierung wie die Virologin Melanie Brinkmann und der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann. Sie gehören zu den Unterstützern eines kürzlich erschienenen „No Covid“-Papiers, das sich an Ländern wie Australien und Neuseeland orientiert. Darin wird ein Lockdown bis zu einer Inzidenz von 10 neuen Fällen je 100.000 Einwohnern binnen einer Woche gefordert – und anschließend eine weitere Reduktion der Fallzahlen auf Null. Brinkmann und Meyer-Hermann waren Teil jener Expertenrunde, die vom Kanzleramt vor dem jüngsten Krisengipfel um Rat gefragt wurde.

          Ist die Gesellschaft dazu bereit? 

          Zu den Verfassern des No-Covid-Papiers zählen auch zwei Ökonomen: Clemens Fuest, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, und sein Ifo-Ökonomenkollege Andreas Peichl. Für sie steht fest: Einen Zielkonflikt zwischen Gesundheit und Wirtschaft gibt es nicht, im Interesse beider müssten die Infektionszahlen deutlich runter.

          „Man muss unterscheiden zwischen der im Dezember publizierten Zero-Covid-Strategie mit radikalen Schließungsforderungen auch für die Wirtschaft, die ich ablehne, und unserer No-Covid-Strategie, die wesentlich weniger radikal vorgeht“, sagt Fuest. „Unser Konzept behauptet nicht, wir könnten, noch dazu im Winter, innerhalb weniger Wochen die Neuinfektionen auf Null reduzieren.“ Vielmehr solle die Zahl mittelfristig in immer mehr Regionen nahe Null gebracht werden.

          Der „Eiertanz“ aus Einführung und Aufhebung von Beschränkungen müsse enden, sagt Fuest. Die jüngsten Beschlüsse von Bund und Ländern hätten die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen schließlich nicht gesteigert. Tatsächlich sieht nach dem neuen ARD-Deutschlandtrend die Mehrheit der Deutschen das Krisenmanagement der Politik mittlerweile kritisch. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) zeigt sich weniger oder gar nicht zufrieden damit. Mitte Dezember überwog noch der Anteil der positiv Gestimmten.

          Die No-Covid-Verfechter stützen sich darauf, dass es im vergangenen Sommer schließlich auch gelungen sei, die Sieben-Tage-Inzidenz bis auf 2,5 zu drücken. Doch ist die Gesellschaft noch einmal zu einer solchen Kraftanstrengung bereit?

          Kein Mangel an Härte, sondern an Differenzierung

          Aktuelle Bewegungsdaten vermitteln ein anderes Bild. Im März vergangenen Jahres lag die Mobilität in Deutschland fast 40 Prozent niedriger als in Vor-Corona-Zeiten, wie Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen. Aktuell sind die Menschen dagegen nur noch rund 15 Prozent weniger unterwegs.

          „Das gefühlte Risiko war in der ersten Welle sehr viel höher“, sagt Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Sie ergründet regelmäßig in Umfragen die Stimmung in der Bevölkerung. Zuletzt schätzten 44 Prozent das gefühlte Risiko durch Corona als „hoch“ oder „eher hoch“ ein. Die wachsende Pandemiemüdigkeit zeige sich zum einen darin, dass weniger nach Informationen gesucht werde.

          Und auch darin, dass zwischen Wissen und Verhaltensveränderung mehr Zeit vergehe. „Es wissen zwar circa 80 Prozent der Menschen, dass von den Mutationen eine größere Gefahr ausgeht“, sagt Betsch. „Aber trotzdem macht das bislang wenig mit uns.“ Im Gegenteil: Der Anteil derer, die die Maßnahmen für übertrieben halten, ist zuletzt wieder gestiegen, auf 26 Prozent.

          Christoph Schmidt, Wirtschaftsforscher am Essener RWI und Mitglied des Expertenrats von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), verweist auf eine aktuelle Studie des Psychologen Stephan Grünewald. Drei Faktoren führten demnach zu der wachsenden Pandemiemüdigkeit: schwindende Angst vor einer Erkrankung, fehlende Erfolgserlebnisse angesichts stetig hoher Infektionszahlen und die als intransparent und inkonsistent erlebten Regeln. Vor diesem Hintergrund eine Zero-Covid-Strategie zu fahren, hält Schmidt indes für verkehrt. Für ihn besteht kein Mangel an Härte, sondern an Differenzierung.

          „In der Pandemie wird leider viel polarisiert“

          „Es wäre zwar schön, wenn man die Pandemie mit einem einmaligen harten Lockdown dauerhaft beenden könnte. Mit der Lebenswirklichkeit hat das aber absolut nichts zu tun“, sagt Schmidt. Zum einen könne man Wirtschaft und Gesellschaft nicht völlig herunterfahren, denn Gesundheits- und Pflegedienste, Energie- und Nahrungsmittelversorgung, Kommunikation und öffentliche Sicherheit seien unverzichtbar. „Zum anderen leben wir nicht auf einer Insel, das Virus könnte jederzeit wieder von außen zu uns kommen“, meint Schmidt. „Diese Strategie dürfte daher nicht zu einem raschen Ende, sondern vielmehr zu einem unerträglichen dauerhaften Überwachungsregime führen. Wie man so etwas ernsthaft vorschlagen kann, verstehe ich nicht.“

          Für den früheren Chef der Wirtschaftsweisen muss es darum gehen, Gesundheitsschutz mit seelischer und ökonomischer Gesundheit zu vereinbaren. „Wie sieht die Zukunft aus, wenn, wofür viel spricht, das Coronavirus bei uns endemisch werden sollte?“, fragt Schmidt. Dazu gehöre auch, die Möglichkeiten der Digitalisierung des Schulwesens und des öffentlichen Gesundheitsdienstes weiterzuentwickeln, „um eine neue Normalität zu ermöglichen“.

          Ähnlich sieht es Veronika Grimm, Verhaltensökonomin und seit vorigem Jahr Wirtschaftweise. „In der Pandemie wird leider viel polarisiert und vieles gegeneinander ausgespielt“, kritisiert sie. Um das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen und die Akzeptanz zu erhöhen, seien zielgerichtete Maßnahmen entscheidend.

          „Bei Teststrategien und der digitalen Verfolgung von Infektionsketten ist noch viel Luft nach oben.“ Grimm appelliert daran, noch einmal das Verhältnis zwischen Gesundheits- und Datenschutz abzuwägen. Eine Inzidenz von nahe Null durch einen harten Lockdown in kurzer Zeit zu erreichen, hält sie nicht für realistisch. Es gebe viele Menschen, die in allen denkbaren Szenarien zur Arbeit müssten. „Und es wäre vermutlich auch unrealistisch zu glauben, alle anderen würden ihre Kontakte auf Null herunterfahren.“

          Die Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Katarina Niedwiedzal, weist noch auf ein anderes Problem hin: Schon die aktuellen Maßnahmen, die immer neuen Details in den Infektionsschutzverordnungen, würden einen Teil der Gesellschaft nicht erreichen. „Wie viele dieser Informationen werden denn wirklich mehrsprachig übersetzt und in einfacher Sprache erklärt?“, fragt sie. Es habe sich zwar schon einiges verbessert, aber weitem noch nicht genug. Von den 3,7 Millionen Einwohnern Berlins haben knapp 800.000 einen ausländischen Pass.

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