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Corona-Krise : Warum die Arbeitslosigkeit steigt

Ein geschlossenes Café in München: Die Gastronomie trifft die Corona-Krise hart. Bild: dpa

Gastgewerbe, Handel, Zeitarbeit: Aus einigen Branchen melden sich viele Menschen arbeitslos. Doch Entlassungen sind nicht der einzige Grund, warum die Zahlen steigen.

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          Der Schock war groß, als die Bundesagentur für Arbeit vergangene Woche die Zahlen verkündete: Für bis zu 10,1 Millionen Beschäftigte haben Betriebe in Deutschland aufgrund der Corona-Krise Kurzarbeit angemeldet – und die Arbeitslosigkeit ist im April kräftig gestiegen: um 308.000 auf 2,65 Millionen. Das Gute sei, dass die Zunahme nicht vorrangig durch Entlassungen zustande komme, betonte der Vorstandschef Detlef Scheele. Doch wodurch dann?

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft und zuständig für „Die Lounge“.

          In einer Sonderauswertung analysiert die Bundesagentur, dass etwa ein Drittel des Corona-bedingten Anstiegs der Arbeitslosigkeit darauf beruht, dass Menschen aufgrund der Krise ihre Arbeit verloren haben. Weitere 21 Prozent können dadurch erklärt werden, dass weniger Einstellungen stattfinden – die Zahl der neu gemeldeten Stellen hat sich im März mehr als halbiert. „Die Menschen haben weniger Chancen, aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen. Das wird die nächste Zeit prägen“, sagt Ulrich Walwei, Vizedirektor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

          15.000 Selbständige melden sich arbeitslos

          Fast 40 Prozent der neu registrierten Arbeitslosen kommen der Analyse zufolge dadurch zustande, dass aufgrund des Kontaktverbots derzeit keine arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen stattfinden. Denn wer etwa an einer vom Jobcenter angeordneten Weiterbildung teilnimmt, wird in der Statistik in der sogenannten Unterbeschäftigung erfasst und zählt nicht offiziell als arbeitslos. Der Rekordanstieg der Arbeitslosigkeit überzeichne daher das wahre Ausmaß der Krise, folgert das Kieler Institut für Weltwirtschaft.

          In einigen Branchen sind dennoch deutliche Zuwächse zu verzeichnen. Aus dem Gastgewerbe etwa meldeten sich 35.000 Beschäftigte arbeitslos, 24.000 mehr als noch vor einem Jahr. Starke Anstiege verzeichneten auch der Handel, weitere wirtschaftliche Dienstleister – zu denen unter anderem Reisebüros zählen –, die Zeitarbeit und die Industrie. 15.000 Menschen meldeten sich aus einer Selbständigkeit heraus arbeitslos.

          Besonders betroffen von den Auswirkungen der Corona-Pandemie sind zudem Menschen mit ausländischem Pass oder ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Unter beiden Gruppen ist die Arbeitslosigkeit überproportional gestiegen. Und in den Jobcentern rücken zwei Personengruppen neu in den Fokus: abhängig Beschäftigte sowie Selbständige, die durch Einkommensausfälle aufgrund von Kurzarbeit oder weggefallenen Aufträgen auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Zusammengerechnet haben sich im April 70.000 Menschen aus diesen beiden Gruppen neu bei einem Jobcenter gemeldet.

          IAB-Vizedirektor Walwei geht davon aus, dass sich die Folgen der Corona-Pandemie am Arbeitsmarkt noch für längere Zeit niederschlagen werden. Sein Institut prognostiziert, dass die Arbeitslosigkeit auf mehr als 3 Millionen klettert, die Hälfte des Anstiegs im Jahresverlauf aber wieder wettgemacht werden könnte. Allerdings bestehe durchaus das Risiko, dass sich die Arbeitslosigkeit verfestigen könne, sagt er. „Dass es wieder runtergeht, ist kein Selbstläufer.“

          So seien von der Krise dieses Mal sehr viele kleine Betriebe betroffen, zudem stecke etwa die Autoindustrie ohnehin in einem Strukturwandel. Eine wichtige Frage ist aus seiner Sicht, ob Arbeitslose und offene Stellen zusammenpassen, wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren ist – Fachleute sprechen vom „Matching“. Walwei sagt: „Es kann sein, dass sich durch Klimaschutz und Digitalisierung die Arbeitswelt so stark verändert, dass die Menschen ganz neue Kompetenzen mitbringen müssen.“

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