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Corona-Krise : Rumänien verlangt eine Ablöse für seine Ärzte

In Deutschland arbeiten auch viele Ärzte aus Osteuropa. Bild: Frank Röth

Viele Ärzte aus Osteuropa zieht es in den Westen – auch nach Deutschland. Ihre Heimatländer stellt das vor Schwierigkeiten.

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          Es ist zwar schon zwei Jahre her, dass die rumänische Regierung den Ärzten das Gehalt verdoppelt hat, aber das dürfte heute in der Corona-Krise vielen Rumänen das Leben retten. „Das war eine gute Aktion“, sagt Gheorghe Borcean, der Präsident der rumänischen Ärztekammer. „Denn die Zahl der Ärzte, die das Land verlassen hat, ist seither um ein Viertel gesunken.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Arbeitskräfte aus Rumänien werden überall gern genommen in der EU: nicht nur auf dem Bau und in der Landwirtschaft, die gerade erst per Flugzeug Hunderte Erntehelfer einfliegen ließ. Ärzte gehören zu den beliebtesten „Exportartikeln“. Laut dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat kein Land Europas zwischen 2010 und 2018 netto so viele Ärzte abgegeben wie Rumänien. Medizinerpräsident Borcean spricht von 14.000 – mehr als ein Viertel der heute in Rumänien aktiven.

          „Kompensation für jeden Arzt“

          Wenn man schon die Abwanderung nicht verhindern könne, so bedürfe es künftig einer „Kompensation für jeden Arzt, der das Land verlässt“, sagt Borcean. Deren Ausbildung koste den rumänische Steuerzahler schließlich an die 100.000 Euro je Arzt, den Nutzen hätten oft andere, wie Deutschland, das unter rumänischen Doctores besonders beliebt ist. „Es ist nicht korrekt, so eine große Zahl von Ärzten ohne einen Ausgleich zu verlieren“, sagt Borcean. Wenn er könnte, würde er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zurufen: „Zahlen sie etwas dafür, an die Menschen in Rumänien.“

          Die Idee finden allerdings nicht alle gut. Serbiens Ärztepräsident Milan Dinic, der neben der Ausbreitung von Covid-19 auch gegen die Abwanderung vor allem junger Fachkräfte in den Westen ankämpft, sagt der F.A.Z.: „Ich halte das für keine gute Idee. Wir können unsere Ärzte doch nicht verkaufen.“ Ihm schwebe eher etwas vor wie eine allgemein anerkannte Anhaltszahl „Ärzte je Einwohner“, die zu erreichen die Staaten Europas sich verpflichten sollten.

          Um die sieben Millionen Serben kümmern sich 27.000 Ärzte, um die fast 20 Millionen Rumänen 53.000. In Deutschland mit seinen 83 Millionen Einwohnen sind 400.000 Mediziner berufstätig, davon kommt jeder Achte aus dem Ausland. In Zeiten der Corona-Krise werden solche Fachkräfte zuhause dringend benötigt. Deshalb hatte die serbische Regierung Ärzte aufgerufen, zurückzukommen. Mit dem Argument hat Rumäniens Botschafter in Wien unlängst ein Ausreiseverbot für Pflegekräfte begründet: In diesen Zeiten brauche man medizinische und soziale Fachkräfte in erster Linie in Rumänien.

          500 Euro als Anerkennung

          Die Epidemie erschüttert das Land mit knapp 20 Millionen Einwohnern. 7700 Menschen sind positiv getestet, fast 400 an den Folgen des Virus verstorben. „Es ist wie überall in Europa“, sagt Ärztepräsident Borcean im Telefongespräch, „vielleicht etwas besser als in Italien, Spanien oder Großbritannien“. Das Militär hilft. Aber auch in dem südosteuropäischen Land fehlt es an Masken, Schutzausrüstung, Beatmungsgeräten. Er hofft, dass weitere Lieferungen die Lager auffüllen. Die Regierung in Bukarest erwartet den Höhepunkt der Infektionswelle zum Ende des Monats. Da zählt jede Ärztin, jeder Pfleger.

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