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Corona-Krise : Rumänien verlangt eine Ablöse für seine Ärzte

53.000 Ärzte seien derzeit in Rumänien zugelassen, sagt Borcean. „Das ist die größte Zahl, die wir je hatten.“ Aber mehr wären besser. Laut Weltgesundheitsorganisation zählte noch 2016 Rumänien die wenigsten Ärzte je Einwohner in der EU. Immerhin verdienen sie heute besser: Aktuell sind es laut Bukarester Ärztekammer gut 12.000 Leu im Monat, umgerechnet 2500 Euro. Präsident Klaus Johannis hat kürzlich nachgelegt: Wer Corona-Patienten betreut, solle einen monatlichen Extrabonus von 500 Euro bekommen. Eine Anerkennung, wohl auch eine Halteprämie.

Medizinstudium mit Deutschkurs

Denn anderswo sind die Arbeitsbedingungen besser, die Gehälter auch ohne den zugesteckten Briefumschlag mit Bargeld höher. „Ärzte in Bewegung“ hat das WIIW seine Studie betitelt. Und sie sind in Bewegung – in Richtung Westen.

Als der mit Abstand größte „Ärzte-Importeur“ erweist sich von 2010 bis 2018 Großbritannien mit knapp 50.000 Ärzten, vor der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden. In Deutschland ist die Lage statistisch ausgeglichen: Abwanderer zog es vor allem in die Schweiz, nach Österreich und Amerika. Laut Bundesärztekammer waren vorletztes Jahr 55.000 Ärzte aus dem Ausland in Deutschland approbiert, davon 35.000 aus Europa, 25.000 aus EU-Ländern. Die größte Gruppe stammt mit 4785 Ärzten aus Rumänien vor Syrien (3900) und Griechenland (2800). Aus Serbien kamen 1128, Tendenz steigend. Laut der Jahresbilanz 2019 lag Rumänien mit 216 Ärzten wieder vorn.

Die Länder Ostmitteleuropas hätten seit 2010 mehr als 40.000 Ärzte an den Westen verloren, aber nur 5000 erhalten – ein ärmlicher Ausgleich dafür, dass sich die Versorgungslage zuhause zugespitzt habe, analysieren die WIIW-Wissenschaftler. Anschaulich beschreiben sie die Westverschiebung innerhalb Osteuropas: Tschechien habe Ärzte aus der Slowakei und Ungarn angezogen, Ungarn solche aus Rumänien, Rumänien wiederum welche aus Moldau. Am Ende fällt die Wanderungsbilanz nicht nur für Rumänien negativ aus. Auch Polen, Ungarn, Bulgarien und die Slowakei gaben netto Mediziner ab.

Für die Länder des West-Balkans gilt das ebenso. Die Sogwirkung Deutschlands auf Ärzte aus Ländern des Westbalkan ist weiterhin immens. Die Zahl der albanischen Ärzte in Deutschland stieg binnen Jahresfrist abermals um ein Fünftel auf 786, die derjenigen aus Bosnien und Hercegovina um 9 Prozent auf 580. Aus dem kleinen Nordmazedonien praktizierten Ende 2018 fast 470 Ärzte in Deutschland, das waren 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Medizinstudenten würden sich systematisch auf die Übersiedelung vorbereiten und bereits mit Beginn des Studiums auch Sprachkurse in Deutsch belegen, berichten Wirtschaftsvertreter aus Skopje.

Die rumänische Europaabgeordnete Clotilde Armand schrieb unlängst in der „Financial Times“, Rumänien habe zwischen 2009 und 2015 die Hälfte seiner Ärzte durch Wegzug „verloren“. Dabei gehe es nicht nur um die Versorgung, sondern auch um Wohlstandstransfers. „Allein die jährliche Abwanderung von Ärzten entspricht rund einem Viertel der Zuwendungen, die Rumänien von der EU bekommt, um an die anderen Anschluss zu finden.“

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