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Coronakrise : Reisekonzern TUI beantragt Staatshilfe

Im Hangar: Ein Flugzeug des Reisekonzerns TUI Bild: dpa

Wegen der Ausbreitung des Virus bittet der Marktführer um Unterstützung. TUI erklärte zudem, vorerst fast niemanden mehr in den Urlaub zu schicken. Der Druck auf Konkurrenten wächst, in diesem Punkt nachzuziehen.

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          Der Reisekonzern TUI zieht in der Corona-Krise die Reißleine. Als erste Branchengröße teilte der Marktführer in der Nacht zum Montag mit, „den größten Teil aller Reiseaktivitäten, einschließlich Pauschalreisen, Kreuzfahrten und Hotelbetrieb, bis auf weiteres auszusetzen“. Nach Beratungen im Konzernvorstand informierte TUI zudem, „Staatsgarantien zur Unterstützung des Unternehmens zu beantragen, bis der normale Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen werden kann“. Auf eine Einschätzung, wann dies möglich sein könnte, verzichtet TUI.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          TUI setzte im vergangenen Geschäftsjahr 18,9 Milliarden Euro um und machte unterm Strich einen Gewinn von 532 Millionen Euro. Aktuell verfügt der Konzern über Finanzmittel und nicht beanspruchte Kredite in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Obwohl der März traditionell zur Frühbucherphase für den Sommer gehört, wächst der Betrag aktuell fast gar nicht durch Anzahlungen von Kunden. Denn es gehen wegen der allgemeinen Verunsicherung der Bürger durch das Virus nur wenige Neubuchungen ein. Mit Sonderkonditionen für Umbuchungen versuchte TUI zuletzt Kunden vom Stornieren ihrer Reise abzuhalten, um einen Mittelabfluss zu verhindern.

          Eine schnelle Belebung des Geschäfts scheint TUI nicht zu erwarten. Mit Verweis auf die unklaren Aussichten zog der Konzern seine erst fünf Wochen alte Prognose für den Geschäftsverlauf zurück. Der Vorstand sehe „unter den gegenwärtigen Umständen auch davon ab, eine neue Prognose für das Geschäftsjahr 2020 abzugeben.“ Bislang hatte TUI einen bereinigten operativen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 850 bis 1050 Euro erwartet.

          „Einschneidende Kostenmaßnahmen“

          2020 sollte für TUI ein Wachstumsjahr werden. Der Marktführer sah sich als großer Gewinner nach der Insolvenz der bisherigen Nummer zwei, Thomas Cook. TUI peilte an, allein in Deutschland eine halbe Million zusätzlicher Kunden zu gewinnen. Anfangs sah man sich auf einem guten Weg. Die Buchungseingänge im Januar hatten ein Rekordniveau erreicht. Anfang Februar verkündete der Konzern noch, dass der Wert der eingegangen Buchungen 17 Prozent über dem Vorjahresniveau lag.

          Die Ausbreitung des Coronavirus nach Europa beendete den Aufwärtstrend, TUI hat auf Sparkurs umgeschaltet. „Wir ergreifen einschneidende Kostenmaßnahmen, um die Auswirkungen auf unser Ergebnis abzumildern“, teilte TUI mit. Mit dem weitgehenden Stopp der operativen Geschäftstätigkeit bestätigt der Konzern einen Zustand, der schon im Laufe des Sonntags faktisch eingetreten war.

          Am Wochenende hatte Spanien den Alarmzustand ausgerufen samt weitreichenden Einschränkungen für die Bewegungsfreiheit von Bürgern. Die Türkei hatte untersagt, dass Besucher aus mehreren Ländern – darunter Deutschland – einreisen. Am Sonntag entschied Griechenland, dass der dort bevorstehende Auftakt der Urlaubssaison auf dem 1. Mai verschoben wird und Urlauberhotels bis dahin geschlossen bleiben müssen. Damit waren die drei wichtigsten Ziele im TUI-Geschäft vorerst weggefallen.

          Viele Reiseziele weggefallen

          Darüber hinaus waren nicht viele Länder wie Ägypten und die Kapverdischen Inseln geblieben, in den noch ein geregelter Urlaubsbetrieb möglich war. In Marokko saßen Urlauber an Flughäfen fest, nachdem das Land den Flugverkehr in mehrere Länder ausgesetzt hatte. Das Auswärtige Amt teilte mit, man arbeite mit Reiseveranstalter und EU-Partner „mit Hochdruck dran, Rückreisemöglichkeiten für deutsche Staatsangehörige zu schaffen“. In Tunesien müssen sich Ankommende in eine 14-Tage-Quarantäne begeben, die sie auch nicht durch vorzeitige Rückreise verkürzen können.

          Auch in der Karibik, die im Winter ein beliebtes Ziel ist, häufen sich die Beschränkungen. Die Dominikanische Republik lässt ab dem heutigen Montag keine Flugreisenden aus Europa mehr ins Land, Jamaika war den Schritt schon zuvor gegangen. Die wachsende Zahl der Beschränkungen hatte der Reisebranche schon zuvor weitgehend die Planungssicherheit übernommen. Die TUI-Kreuzfahrtsparte hatte wie auch die Konkurrenten Aida und Phoenix-Reisen zum Wochenende alle neu beginnenden Seereisen abgesagt, da sich kaum noch Häfen fanden, die die Schiffe einlaufen lassen wollten. Zuvor war es zu einer hektische Suche nach alternativen Anlaufmöglichkeiten gekommen, die sich schon einen Tag nach der Verkündung widerrufen werden mussten.

          Mit den weitreichenden Reisestopp durch TUI wächst der Druck auf den Rest der Branche, mit ähnlichen Erklärungen zu folgen. Am Sonntag hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) alle Bürger gebeten, nicht zwingend notwendige Reisen unbedingt zu unterlassen. In der Reisebranche war zuvor lediglich der Gruppen- und Studienreisespezialist Studiosus vorgeprescht und hatte vorerst alle Abreisen abgesagt.

          Einige Urlaubsanbieter geraten auch in Erklärungsnöte. Sie hatten auf ihren Internetseiten nur rudimentäre Informationen zum Virus platziert oder sogar bis zuletzt darauf verzichtet, überhaupt das Wort Corona auf ihren Homepages für Kunden zu erwähnen. Stattdessen bewarben sie Frühbucherrabatte bis zu 65 Prozent oder Sonderstornoregelungen, durch die Kunden „bedenkenlos“ Urlaube buchen sollten. Über das Wochenende hatte es einen Ansturm Rat suchender Kunden auf die zuweilen überlasteten Service-Telefonnummern von Reiseveranstaltern gegeben.

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