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Statt Entlassungen : Kurzarbeit ist das Instrument der Stunde

  • -Aktualisiert am

Stillstand in Sachsen: Der Parkplatz vor dem VW-Motorenwerk in Chemnitz ist leer. Die deutschen Autokonzerne VW, BMW und Daimler haben 200.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Bild: dpa

Im Gegensatz zu anderen Ländern steigt in Deutschland die Arbeitslosigkeit bisher kaum. Um die fehlende Nachfrage auszugleichen, setzen eine halbe Million Unternehmen auf Kurzarbeit.

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          Sie begegnet einem inzwischen auf Schritt und Tritt: Kurzarbeit. Es ist erst kurz vor 17 Uhr, und doch räumt die Verkäuferin in der Bäckerei die letzten Brötchen schon zusammen und wischt die Auslagen aus. „Schließen Sie schon?“ – „Ja, wir sind in Kurzarbeit.“

          Die Reinigung hat nur zwei Stunden täglich geöffnet: „Wir arbeiten kurz, weil keine Wäsche mehr aus der Gastronomie kommt.“ Immer mehr Menschen arbeiten kurz, die Bäckereiverkäuferin, der Autoverkäufer, der Kellner und selbst der Ingenieur vom Automobilzulieferer. Bis Ostern (Gründonnerstag) haben 650.000 Unternehmen in Deutschland Kurzarbeit beantragt. Das ist eine Steigerung um 40 Prozent allein in den ersten zehn Tagen des Aprils – und historischer Rekord. Wie viele Personen Kurzarbeitergeld beziehen, lässt sich daraus nicht ablesen, weil nicht bekannt ist, für wie viele Beschäftigte es in Anspruch genommen wird. Das wird man erst wissen, wenn die Bundesagentur für Arbeit die Kurzarbeitergeld-Zahlungen abrechnet.

          Kurzarbeit ist zum wichtigsten Instrument der Unternehmen geworden, kurzfristige Nachfrageeinbrüche auszugleichen. Dabei ist das Instrument nicht ganz neu. Kurzarbeit gibt es seit mehr als 100 Jahren. Als erster Vorläufer gilt das Kali-Gesetz von 1910, in dem ein Kapazitätsabbau der Kali-Industrie verordnet wurde. Die betroffenen Arbeiter erhielten eine Kurzarbeiterfürsorge, die vom Deutschen Reich bezahlt wurde. In den zwanziger Jahren wurde die Gewährung von Kurzarbeiterunterstützung auf andere Branchen ausgeweitet. Häufig wurde sie vom Bau in Anspruch genommen.

          Inzwischen ist sie das Instrument Nummer eins zur Überwindung kurzfristiger Nachfrageschwächen oder Nachfrageausfälle geworden. Vor allem in der letzten Krise, der Finanzkrise 2008/2009, hat die Wirtschaft erlebt, wie günstig es sein kann, die Mitarbeiter nicht zu entlassen und nach der Krise wieder aufwendig suchen und einstellen zu müssen, sondern sie im Unternehmen zu halten. Schon 2010 war die Wirtschaft wieder im Aufschwung und erreichte 2011 neue Rekordwerte. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn man sich 2009 von Mitarbeitern getrennt hätte.

          Das zeichnet sich auch derzeit ab. Die von der F.A.Z. quartalsweise erhobenen Zahlen über die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die Streichung von Arbeitsplätzen zeigen dies für das erste Quartal 2020 ganz deutlich. Im ersten Quartal, also zu zwei Dritteln noch vor der Corona-Krise hierzulande, wollten die Großunternehmen noch 40.000 neue Stellen schaffen und nur 20.000 Stellen streichen. In die Statistik fließen öffentliche Ankündigungen von mehr als 100 Stellenstreichungen beziehungsweise Neueinstellungen ein.

          Danach hat sich der Stellenaufbau gegenüber dem letzten Quartal 2019 sogar beschleunigt. Im Jahr 2019 wurden erstmals seit fünf Jahren wieder netto mehr Stellen ab- als aufgebaut. Dass sich dieser Trend im ersten Quartal gedreht hat, liegt vor allem an der Bahn, die wegen der Verkehrswende und dem Klimaschutz mit vielen Milliarden Euro ausgestattet wurde. Sie braucht aber auch kurzfristig viele neue Mitarbeiter, wenn sie ihre Unpünktlichkeit auch nur annähernd beheben soll.

          Doch das war kein reines Bahnphänomen. Die Zahlen aus den Großunternehmen decken sich mit denen der Bundesagentur für Arbeit aus den Arbeitsämtern. Danach ist selbst im März, als viele Unternehmen sich schon mit Homeoffice und Produktionskürzungen beschäftigen mussten, die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland – gesunken. Im März waren nach Angaben der Bundesagentur 2,335 Millionen Menschen ohne feste Anstellung. Das sind 60.000 weniger als im Februar, aber 34.000 mehr als im März des Vorjahres. Die Arbeitslosenquote sank in diesem Monat um 0,2 Prozentpunkte auf 5,1 Prozent.

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