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Di Maio rührt die Werbetrommel : Die Hassliebe der Italiener zu deutschen Touristen

Zement-Ständer für Sonnenschirme stehen aufgereiht in einer Bar in Rimini. Die Küste hier galt schon in den Siebziger Jahren als „Teutonengrill“. Bild: AFP

China ist in Italien gerade beliebter als Deutschland. Doch die Wirtschaft braucht deutsche Touristen. Deshalb macht Außenminister Luigi Di Maio fleißig Werbung für sein Land – und legt antideutsche Parolen beiseite.

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          Wenn es darum geht, der darniederliegenden italienischen Tourismuswirtschaft das Überleben zu sichern, sind Italiens Regierung sogar deutsche Touristen recht. Die Italiener seien darauf vorbereitet, Urlauber aus Deutschland mit einem Lächeln willkommen zu heißen, sagte Italiens Außenminister Luigi Di Maio gerade der „Bild“-Zeitung.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der Grund für diese Initiative lässt sich leicht ablesen in der offiziellen italienischen Tourismusstatistik – selbst wenn die jüngste Tabelle von 2018 ist und damit, wie üblich, der Zeit hinterherhinkt. Von den 2018 offiziell registrierten und offiziell besteuerten 429 Millionen Übernachtungen entfiel die Hälfte, 216 Millionen, auf ausländische Gäste. Und unter diesen Ausländern stellten Gäste aus Deutschland mit fast 59 Millionen Übernachtungen den Löwenanteil, nämlich 27 Prozent. Die folgenden Nationen unter den Gästen Italiens liegen weit dahinter, es sind die Franzosen mit einem Anteil von 6,6 Prozent und 14,2 Millionen Übernachtungen sowie die Briten mit 6,5 Prozent an den Übernachtungen von Ausländern und 14,0 Millionen Übernachtungen.

          Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Rettung der Tourismusbranche stehen nun aber im Gegensatz zur Stimmung in Italien. Da zeigen sich die Ergebnisse der häufig als populistisch angesehenen Rhetorik vieler Politiker, die Deutschland die Schuld an vielen Dingen geben. Jahrelang hieß es, die deutsche Austeritätspolitik in Europa sei dafür verantwortlich, dass Italiens Regierung nicht mehr Geld ausgeben dürfe.

          Zuletzt wurden die Deutschen immer wieder als egoistisch und herrschsüchtig beschrieben. Der Autor des Buches „Das Vierte Reich – wie Deutschland Europa unterworfen hat“, Gennaro Sangiuliano, ist längst von der rechtspopulistischen Lega zum Chef der Nachrichtenredaktion im zweiten Kanal des Staatsfernsehens befördert worden. Eine Meinungsumfrage des Triester Instituts SWG ergab Anfang April, dass 52 Prozent der Italiener China als befreundetes Land sehen, während 45 Prozent Deutschland für ein feindlich gesinntes Land halten.

          Ein einsamer Stuhl an einem Strand in der Nähe von Rom
          Ein einsamer Stuhl an einem Strand in der Nähe von Rom : Bild: EPA

          In diesem Umfeld hielt es die zweitwichtigste Persönlichkeit des Staates, Senatspräsidentin Maria Elisabetta Casellati, offenbar vor wenigen Tagen für aussichtsreich, sich mit antideutschen Parolen zu positionieren: „Ich kann nicht glauben, dass Deutschland, das oft von Italien Hilfe bekommen hat, sich nun zurückhält und lebenswichtige Hilfe für alle zurückhält. Während Berlin diskutiert, brennt Europa.“

          Kurz danach präsentierten Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron ihren Plan für einen europäischen Hilfsfonds. Doch der populistischen Rechten ist dieser Vorschlag einerseits suspekt, andererseits nicht umfangreich genug. Schließlich hat sich inzwischen das Misstrauen tief eingegraben.

          Mailands wichtigster Virologe Massimo Galli, Chefarzt für Infektionskrankheiten im Mailänder Krankenhaus „Luigi Sacco“, zieht seit Wochen durch die Fernsehsendungen mit der Anklage, dass die todbringende Epidemie Ende Februar von Deutschland nach Italien gebracht worden sei. Die Blockade von Ausfuhren für Masken und Beatmungsgeräten wird den Deutschen vorgehalten, anderseits ein Flieger mit Hilfslieferungen verschwiegen, ebenso der Umstand, dass Deutschland als einziges Land 44 schwerkranke Coronavirus-Patienten in deutsche Intensivstationen ausgeflogen hat.

          Ein berührender Film der Region Lombardei mit dem Dank an 14 helfende Nationen lässt den albanischen Präsidenten zu Wort kommen, zeigt Güter mit den Etiketten „From Russia with Love“, kubanische Ärzte oder ein Gruppenfoto mit Ankömmlingen aus der Ukraine, nennt Deutschland aber nicht. Die Frage nach dem Warum lässt der lombardische Präsident Attilio Fontana ohne Antwort.

          Ein leerer Strand in Ostia bei Rom
          Ein leerer Strand in Ostia bei Rom : Bild: EPA

          Stattdessen gibt es Meldungen über Touristen aus Deutschland, die sich in Zeiten des „Lockdown“ als Touristen in Italien verirrt haben und dafür empfindlich bestraft werden. Von einem Urlaub in Rom, der teuer zu stehen kam, berichteten die italienischen Medien am vergangenen Sonntag, weil zwei Deutsche im Stadtzentrum angehalten wurden, die ohne Grund nach Italien eingereist waren und die Vorschrift einer zweiwöchigen Quarantäne verletzt hatten. Die Buße kostete 1000 Euro je Person. Ähnlich ging es im April deutschen Urlaubern, die noch mit dem Camper in Sizilien unterwegs waren oder Besuchern eines Wochenendhauses am Comer See. Die Touristen kommen in den Berichten nicht gut weg.

          Italiens Außenminister Luigi Di Maio hält sich damit nicht auf, denn er zeigt sich nun vor allem als Vorkämpfer für das Wohlbefinden der italienischen Tourismuswirtschaft. Korridore für Urlauber, die an Italien vorbeigingen, also beispielsweise von Deutschland über Österreich nach Kroatien, dürfe es nicht geben. Die österreichische Regierung dürfe nicht weiter den Brenner blockieren.

          „Mit Covid-freien Korridoren könnten sich Frankreich und Spanien eine große Scheibe des teutonischen Tourismus abschneiden“, schreibt die rechte Zeitung „Il Giornale“. Das ist der Hintergrund für den Außenminister der Fünf-Sterne-Bewegung, sich als unermüdlicher Vorkämpfer italienischer Interessen darzustellen. Für Di Maio sind antideutsche Parolen vorerst beiseite gelegt. Mit seinem Aktionismus hat der Minister allerdings nicht immer eine glückliche Hand: Noch am 27. Februar, also wenige Tage vor den Ausgangssperren, bestand er darauf, zu einer Konferenz in den Auslandspresseclub von Rom zu kommen, um dort zu sagen: „Kommen Sie nach Italien, man kann weiterhin nach Italien reisen, denn Italien ist sicher.“

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