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Corona-Krise : Indiens Hilfspaket droht zu verpuffen

Wanderarbeiter mit Mundschutz warten auf einer Straße im indischen Ahmedabad auf einen Transport zu einem Bahnhof, um in ihre Heimatorte zurückzukehren. Bild: dpa

Ökonomen sind enttäuscht von längst bekannten Ankündigungen und zweifeln am Konjunkturimpuls für Asiens drittgrößte Volkswirtschaft. Das Elend der Arbeiter findet kein Ende.

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          Das mit fast 1,4 Milliarden Menschen zweitgrößte Land der Erde verlängert seine Ausgangssperre ein weiteres Mal nun bis Ende Mai. Zuvor hat die offizielle Zahl der Corona-Infizierten in Indien diejenige seines asiatischen Widersachers Chinas überholt: Indien steuert  noch bis Wochenmitte auf mehr als 100.000 Fälle zu – dabei ist die Testrate auf dem Subkontinent verschwindend gering. Allerdings bleiben die offiziellen Todeszahlen weit hinter den Vergleichszahlen anderer Länder zurück.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Indien will die Sperre nun aber schrittweise lüften: In Bezirken, in denen es nur wenige Fälle gibt, sollen mehr Geschäfte und Schulen öffnen als in den stark befallenen. Zu diesen zählt beispielsweise die Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai), aber auch der bei Investoren beliebte Bundesstaat Maharashtra. Die indische Regierung hatte das Land am 25. März in einer künstliches Koma gelegt. Damit begann eine beispiellose Elendsgeschichte für Millionen von Tagelöhnern, denen das überlebenswichtige Einkommen über Nacht wegbrach.

          Auch lockerte die indische Regierung nun ihren Umgang mit der bislang vorgeschriebenen App zur  Nachverfolgung von Bewegungen auf Mobiltelefonen: Hatte sie zuvor vorgeschrieben, dass unter anderem Firmenchefs dafür verantwortlich seien, dass ihre Arbeiter die App anwenden, heißt es nun nur noch „sie sollten sich darum bemühen“. Über Wochen hatte es Kritik an der App mit ihren im Vergleich zu westlichen Ländern wenig geschützten Daten gegeben.

          Die Wut der Arbeitsemigranten darüber, dass die Regierung sich um ihr Schicksal über Wochen kaum gekümmert hat, nimmt weiter zu. Hunderte Millionen Menschen ohne Ersparnisse haben kein Einkommen mehr. Viele haben sich auf den teils hunderte Kilometer langen Heimweg in ihrer Dörfer gemacht – ein Treck, ohne am Ziel eine Perspektive zu haben. Hunderttausende wandern entlang von Straßen und Autobahnen, weil es über Wochen keine Transportmittel mehr gab. Zeitungen berichten von Spediteuren, die den verzweifelten Arbeitern ihre letzten Rupien abnehmen, um sie ein Stück in Richtung ihrer Heimat zu fahren.

          Starker Anstieg des Haushaltsdefizits erwartet

          Inzwischen sind einige hundert Züge eingesetzt worden, die aber für viele zu spät kommen. Im Westen Gujarats probten mehr als 1500 Wanderarbeiter den Aufstand, griffen die Polizei mit Steinen an und zerstörten Autos, weil sie fürchteten, ihre Wanderung werde blockiert. Am Samstag kamen 23 Arbeitsmigranten ums Leben, nachdem es zu einem Unfall mit Lastwagen gekommen war. In der ersten Maiwoche wurden acht Heimkehrer von einem Zug überrollt und starben.

          Obwohl Finanzministerin Nirmala Sitharaman über vier Tage bis Samstag die insgesamt auf umgerechnet 245 Milliarden Euro bezifferte Corona-Hilfe des Staates in Einzelheiten erklärte, macht sich in der Wirtschaft Enttäuschung breit: Eine Vielzahl der Reformen, wie eine Öffnung des Rüstungssektors sei längst überfällig, ein Großteil des gebündelten Paketes längst bekannt gewesen und im übrigen bleibe völlig unklar, wann sie umgesetzt würden – das Ganze rieche vor allem nach einem der unter Ministerpräsident Narendra Modi üblichen Versprechen und Werbeaktion.

          Kritik erntet auch, dass Indien trotz der Klimakrise 50 Kohlekraftwerke bauen und allein für den Transport der Kohle 600 Millionen Euro einsetzen will. Die Wirtschaftszeitung Mint kommentiert: „Die Maßnahmen schafften es nicht, Ökonomen zu überzeugen. Sie erklärten, der Mangel eines robusten Impulses drohe zum Scheitern des Ankurbelns der Wirtschaft zu führen.“

          Zugleich dürfte das Defizit Indiens, dass schon vor Corona die von Modi gesetzte Grenze brach, nun von erwarteten 3,5 auf mindestens 5,5 Prozent der Wirtschaftsleistung hochschießen. Der frühere Chefstatistiker Indiens, Pronab Sen, rechnet für dieses Fiskaljahr (31. März) mit einem Schrumpfen der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens um 9 Prozent – ein derzeit noch unglaublich klingender Wert: Modi selber sprach immer wieder von einer zweistelligen Wachstumsrate, die Analysten der meisten Banken erwarten trotz Corona noch ein leichtes Wachstum. Der Export liegt im April 60 Prozent unter dem Vorjahreswert, im Mai dürfte er noch weiter gesunken sein.

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