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Singapur : Eingeschlossen im Containerdorf

  • -Aktualisiert am

Mehr als 200.000 Gastarbeiter der Millionärsmetropole, tätig allein nur im Baugewerbe, leben in Massenunterkünften, den Dormitories. Bild: EPA

Der rigide Stadtstaat Singapur hatte sich in der Corona-Krise bisher eigentlich bewährt. Nun aber steht er vor einer Herausforderung: 24.000 Gastarbeiter sind wegen der Ansteckungsgefahr isoliert.

          2 Min.

          Singapur ist vielen Ländern ein Vorbild im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Nun aber steht auch der südostasiatische Stadtstaat vor einer großen Herausforderung: Denn die Seuche hat die überfüllten Schlafdörfer der Arbeitsheere erreicht. Und hier ist die Ansteckungsgefahr schwer einzudämmen. Mehr als 200.000 Gastarbeiter der Millionärsmetropole, tätig allein nur im Baugewerbe, leben in Massenunterkünften, den Dormitories. Dort schlafen Arbeiter aus zwölf Nationen wie Indien, Bangladesch, Sri Lanka oder Thailand in Vielbettzimmern und sitzen abends und auch beim Essen dichtgedrängt zusammen. Die meist mehrstöckigen, schmucklosen Anlagen hinter hohen Zäunen muten wie Containerdörfer an. Davon gibt es 43 auf der Insel. Sie werden privat geführt, müssen aber von Staat lizenziert sein, wenn sie mehr als tausend Arbeiter beherbergen. Das heißt, dass sie Standards in Sauberkeit, Wasserversorgung, Sanitäranlagen und Hygiene erfüllen sollten.

          Katastrophe hinter den Zäunen?

          „Die Dormitories sind wie eine Zeitbombe, die darauf wartet, zu explodieren“, sagt Tommy Koh, Singapurs ehemaliger Botschafter bei den Vereinten Nationen. Er benennt damit einen großen Schwachpunkt im Kampf gegen die Seuche. Nachdem sich die Coronafälle in den Baracken sprunghaft auf jetzt schon 179 Infizierte erhöht haben, muss Singapurs Regierung nun mit aller Kraft gegensteuern, um eine Katastrophe hinter den Zäunen zu verhindern. Die staatliche Zeitung „The Straits Times“ gibt an, dass derzeit drei Anlagen mit insgesamt mehr als 20.000 Arbeitern von der Regierung unter Quarantäne gestellt seien. Das bedeutet, dass die Bewohner für 14 Tage in ihren Zimmern bleiben müssen, um eine weitere Verbreitung der Seuche in den Anlagen und in der Stadt zu verhindern. Bis jetzt haben sich 1623 Einwohner des Tropenstaates angesteckt, sechs sind am Virus gestorben.

          Sehr früh und mit großer Transparenz und Konsequenz hat der Stadtstaat seine 5,7 Millionen Einwohner auf den Kampf gegen Corona eingeschworen. Abstand halten beim Einkaufen, auf der Bank, beim Arzt, oft überwacht mit hochentwickelten Apps für das Mobiltelefon, wird seit Wochen großgeschrieben – Verstöße werden vor Gericht geahndet. Wie aber soll allein die Distanz in Arbeiterunterkünften, die Tausende von Menschen auf engem Raum beherbergen, gelingen? „Es gibt viele Kakerlaken in der Küche und in unseren Räumen. Die Pissoirs in den Toiletten fließen vor Urin über und die Arbeiter treten in diesen Urin und gehen dann in Ihre Zimmer“, erzählt der Bewohner eines der unter Quarantäne gestellten Dormitories der Straits Times. Auch Reinigung mit Desinfektionsmitteln oder Entfernung von Müll sei vielfach ungenügend.

          Regierung steht unter Druck

          Die Arbeiter dürfen ihre Baracken nicht mehr verlassen und leiden unter der Angst vor einer grassierenden Seuche. „Singapur sollte dies als einen Weckruf verstehen, um unsere unentbehrlichen Gastarbeiter wie ein Erste-Welt-Land zu behandeln und nicht in so unwürdiger Weise, wie sie jetzt behandelt werden“, mahnt Koh an. Unter Druck versucht die Regierung, gegenzusteuern. Das Gesundheitsministerium erklärt, dass „die Arbeiter mit täglichen Mahlzeiten, Atemschutzmasken, Handdesinfektionsmitteln, Thermometern und digitalen Verbindungsmöglichkeiten versorgt werden“. Auch würden die Eigentümer der Dormitories „daran erinnert, hohe Hygienestandards einzuhalten und Sicherheitsabstände einzurichten“.

          Ihr Lohn werde für die Wochen hinter dem Zaun fortgezahlt, ihre Arbeitgeber können eine staatliche Unterstützung für sich beantragen. Die Regierung hat eine Einsatzgruppe aus Beamten des Gesundheitsministeriums, Polizei, Militär und dem Zentrum für Gastarbeiter gebildet, um die Eigentümer der Schlafdörfer zu unterstützen und überfällige Verbesserungen in der Versorgung der Arbeiter zu überprüfen. Auch ein medizinischer Service wurde in den betroffenen Dormitories eingerichtet, um schneller Erkrankte erkennen zu können. Arbeitsministerin Josephine Teo bemüht sich, die Wogen zu glätten: „Hauptziel all dieser Maßnahmen ist es, die Gesundheit und das Wohlbefinden aller zu gewährleisten. Nicht nur das der Bürger von Singapur, sondern das aller Gastarbeiter, die hier sind, um unserer Wirtschaft zu helfen, und ihrer Arbeitgebern.“

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