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Corona-Krise in Lateinamerika : Nach dem Virus kommt das Elend

Und plötzlich Stillstand:Eine leere Straße in São Paulo Bild: EPA

Nicht nur Straßenverkäufer und Hausangestellte machen sich derzeit Sorgen um ihre Existenz, sondern die gesamte Wirtschaft in Lateinamerika. Besonders stark ist Venezuela von der Corona-Pandemie betroffen.

          3 Min.

          Der Smog hat sich verzogen. Seit Tagen ist der Himmel über der brasilianischen Wirtschaftsmetropole São Paulo so blau wie selten. Darunter, wo sonst ein pausenloses Treiben herrscht, ist es ruhig geworden. Der Verkehr ist spärlich, in den Geschäftsvierteln sind kaum Leute zu sehen, seitdem der Gouverneur eine Quarantäne angeordnet hat. Verschwunden sind auch die Straßenverkäufer, die sonst allerlei Waren anbieten. Ihr Geschäft ist von einem Tag auf den anderen zusammengebrochen. Abgesichert sind sie nicht.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Das betrifft nicht nur die Straßenverkäufer. 38 Millionen Brasilianer oder rund 40 Prozent der Beschäftigten sind nicht registriert und arbeiten informell. Zu ihnen zählen Selbstständige ohne Einzelunternehmen, Hausangestellte ohne Arbeitsvertrag, Tagelöhner, Motorradkuriere und viele mehr. In ganz Lateinamerika verhält es sich so. Der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge arbeitet mehr als die Hälfte der werktätigen Bevölkerung in Lateinamerika und der Karibik informell. Millionen Menschen leiden somit unmittelbar unter den Folgen der Corona-Krise. Ihr Geschäft steht still. Da sie weder versichert sind noch sonstige Arbeiterrechte haben, droht ihnen das Elend. In den brasilianischen Favelas haben vier von fünf Bewohnern Angst vor dem Hunger.

          Die brasilianische Regierung hat angesichts der Krise finanzielle Direkthilfe für informell Beschäftigte in Aussicht gestellt. 600 Real sollen sie monatlich erhalten, um über die Runden zu kommen. Das sind etwas mehr als 100 Euro, gut die Hälfte des Mindestlohns. Auch in anderen Ländern werden Maßnahmen ergriffen, um ein rasches Absinken großer Bevölkerungsteile in die Armut zu verhindern. Direktzahlungen, Vorauszahlung von Renten, Ausbau von Sozialleistungen, Rabatte auf Energie, Wasser und mehr.

          Die Länder haben keine Reserven

          Nicht nur die Straßenverkäufer und Hausangestellten machen sich derzeit Sorgen um ihre Existenz, sondern die gesamte Wirtschaft in Lateinamerika. Schon vor der Corona-Krise zeigte die Region das langsamste Wachstum auf der Welt. Der Absturz des Ölpreises und nun die Pandemie treffen die Wirtschaft in Lateinamerika härter als anderswo. Die Region ist sehr stark von China abhängig, heute wichtigster oder zweitwichtigster Handelspartner fast aller Länder. Der Fall des Ölpreises und anderer Rohstoffpreise trifft die meisten Länder Lateinamerikas empfindlich. Hinzu kommt die dramatische Kapitalflucht, die in den vergangenen Monaten die Börsenkurse und Währungen in Lateinamerika zum Absturz gebracht hat. Der Dollar hat beispielsweise die Marke von 5 brasilianischen Real überschritten. Das galt bis vor kurzem als äußerst unwahrscheinlich. Die Kombination dieser Faktoren mit der Corona-Krise könnte die Wirtschaft in Lateinamerika zum Erliegen bringen, befürchten Ökonomen.

          Die Prognosen für Lateinamerika wurden innerhalb weniger Wochen mehrmals nach unten korrigiert. Die Wirtschaftsberater von Capital Economics gehen in diesem Jahr von einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum in Lateinamerika (ohne Venezuela) von 0,2 Prozent aus. Noch im Februar lag die Prognose bei mehr als 1 Prozent. Pessimistischer ist man bei der Bank of America, wo mit einer Schrumpfung um 1,6 Prozent in der Region gerechnet wird, maßgeblich verursacht durch Mexiko (-4,5 Prozent) und den Sonderfall Venezuela (-20 Prozent). Auch Brasilien, das zu Jahresbeginn noch mit einem Wachstum von 2 Prozent rechnete, wird in diesem Jahr wohl nicht wachsen oder sogar schrumpfen. Die Prognosen sind unsicher, da das Ausmaß der Krise in Lateinamerika noch nicht absehbar ist. Die Infektionskurve steht erst ganz am Anfang. Während die meisten Regierungen relativ früh drastische Maßnahmen eingeleitet haben, fallen die beiden größten lateinamerikanischen Volkswirtschaften, Brasilien und Mexiko, durch ihre Sorglosigkeit gegenüber der Pandemie auf.

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          Die meisten Länder sind in einer ähnlichen Situation: Ihr Spielraum, um auf die Krise zu reagieren und die Wirtschaft zu stimulieren, ist sehr beschränkt. Die Länder haben es verpasst, in den Jahren des Booms ausreichend Reserven anzuhäufen, die sie nun dringend nötig hätten. Selbst ohne Krise wäre das Szenario ausreichend komplex. Zum Beispiel für Argentinien, das gerade mit dem Internationalen Währungsfonds über eine Umschuldung seines Schuldenbergs von mehr als 100 Milliarden Dollar verhandelt. In Zahlungsnot befindet sich auch Ecuador, das stark vom Erdölexport abhängt. Auch Brasilien und Mexiko spüren den Absturz des Erdölpreises. Der mexikanische Erdölkonzern Pemex hatte lange als Goldesel für den Staat gegolten, nun entwickelt er sich zum Problem.

          Venezuela ist besonders stark von der Corona betroffen

          Die Bonität von Pemex dürfte demnächst herabgestuft werden – was dann auch Mexiko drohen könnte. Derweil kann Venezuela kaum noch härter getroffen werden. Das Land liegt schon am Boden. Die Ausfuhr von Erdöl, die einst 90 Prozent der Exporteinnahmen einbrachte, ist durch die von Washington verhängten Sanktionen kaum noch möglich. Das Regime stützt sich zusehends auf den illegalen Handel mit Gold und Drogen, der weniger von Krisen geschüttelt wird. Analysten befürchten, dass Venezuela von der Corona-Pandemie besonders betroffen sein könnte, da das Gesundheitssystem schon vor einiger Zeit kollabiert ist.

          Weniger pessimistisch sehen die Aussichten für Peru oder Kolumbien aus. Doch die Unsicherheit ist allgegenwärtig, selbst in Chile, das als Oase der wirtschaftlichen Stabilität galt, bis im vergangenen Oktober Unruhen ausbrachen. In fast jedem Land Lateinamerikas besteht Potential dafür – erst recht, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt.

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