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Corona-Krise in Indien : Ökonomen bringen Reichensteuer ins Spiel

Yoga-Übungen gegen den Frust in der Ausganssperre: Ministerpräsident Narendra Modi hatte für seine Wähler auch ganz praktische Tipps. Bild: dpa

Eine Sonderabgabe auf Immobilienbesitz soll die Wachstumsdelle ausgleichen. Volkswirte sehen verheerende Folgen der Pandemie für die Wirtschaft. Auch ein alter Rivale von Ministerpräsident Modi bringt sich in Stellung.

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          In Asiens drittgrößter Volkswirtschaft bringen führende Ökonomen im Kampf gegen die Corona-Folgen die Idee einer Sonderabgabe für Reiche und Gutverdiener auf: Sie sollten in Form einer Einmalzahlung bis zu umgerechnet 12 Milliarden Euro zur wirtschaftlichen Erholung Indiens beisteuern, erklärte Arvind Subramanian, der frühere Chefökonom der indischen Regierung. „Dieser Beitrag kann in Form von Steuern kommen oder dem Streichen von Subventionen für die Mittelschicht. Die Wohlhabenden könnten durch eine Reichenabgabe beitragen, die über der Grenze eines Immobilienbesitzes von 50 Millionen Rupien einsetzt“, sagte der angesehene Ökonom.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Umgerechnet wäre dies ein Immobilienwert von gut 600.000 Euro. Das Land mit seinen fast 1,4 Milliarden Menschen steht vor dem geringsten Wirtschaftswachstum seit seiner grundlegenden Reformen 1991. Subramanian rechnet vor, dass Indien durch die Krise ein Schaden von rund 10 Billionen Rupien (121 Milliarden Euro) entstehen werde. Dabei rechnet er unter anderem auch geringere Steuereinnahmen in Höhe von 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung mit ein, die durch das künstliche Koma während der Ausgangssperre bis zum 6. Mai entstehen.

          Die Lücke füllen sollen neben dem Solidarbeitrag der Bessergestellten niedrigere Ausgaben der Regierung, die Ausgabe von Anleihen durch die Notenbank und die Hilfe multilateraler Organisationen. Dieses Konzept wird die als wirtschaftsfreundlich angetretene Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi schwer treffen. Schon vor Corona hatte sie ihre Ziele, wie viele Arbeitsplätze sie schaffen und in welchem Ausmaß sie die Konjunktur ankurbeln wollte, völlig verfehlt. Denn ohne Zweifel wird sie nun sparen müssen, statt die Wirtschaft durch weitere staatliche Investitionen anzuheizen.

          Volkswirte sehen die Lage kritischer als in der Finanzkrise

          Subramanian schätzt die Lage deutlich kritischer ein, als die multilateralen Organisationen und ging mit ihren am Mittwoch veröffentlichten Prognosen schwer ins Gericht. Damit befindet er sich auf Kurs der Geschäftsbanken, die, ähnlich etwa der japanischen Bank Nomura, von einem Schrumpfen der indischen Wirtschaft zwischen minus 0,5 und minus 2,6 Prozent in diesem Jahr ausgehen. Der Internationale Währungsfonds hingegen rechnet mit einer Wachstumsrate von immerhin noch 1,9 Prozent.

          „Die Zahlen von Weltbank und IWF sind viel zu optimistisch, wir werden eine deutlich negative Rate verzeichnen und darauf sollten wir antworten“, sagte Subramanian. Allerdings erklärte Changyong Rhee, der Asienchef des IWF am Donnerstag, die Region werde wegen Corona zu einem wirtschaftlichen Stillstand kommen. Damit sei die Lage wesentlich ernster, als während der globalen Finanzkrise 2008, als Asien-Pazifik noch um 4,7 Prozent wuchs, und während der asiatischen Finanzkrise 1998, als die Rate wenigstens noch 1,9 Prozent betrug.

          Auch der frühere Notenbankgouverneur Indiens, Raghuram Rajan erklärte, er stehe bereit, der Modi-Regierung zu helfen. Der Ökonom der Universität Chicago war von ihr aus dem Amt getrieben worden, wurde aber gerade in den globalen Beirat des IWF zur Krisenbewältigung berufen. Unter anderem kritisierte Rajan den Einzug des Bargeldes durch die Modi-Regierung heftig, der auf Kosten der Armen ging.

          Trotz seines Konflikts mit Modi ist der ehemalige Notenbankpräsident Raghuram Rajan weiterhin ein gefragter Berater.

          „Verbreitet sich das Virus wie in Italien oder Amerika, müssen wir das sehr ernst nehmen. In diesen Ländern sehen wir schon eine enorme Auswirkung auf die öffentliche Gesundheit, die Überlastung von Krankenhäusern und natürlich viele Todesfälle – unter solchen Bedingungen wird es schwierig, mit der wirtschaftlichen Aktivität einfach weiter zu machen“, warnte Rajan. Offiziell verzeichnet die größte Demokratie der Welt derzeit rund 12.000 Infizierte und fast 400 Tote. Dabei testet das Land allerdings nur 137 von einer Million Menschen; Italien kommt auf 16.000, Amerika auf gut 8000 Tests je eine Million Einwohner.

          Schon Anfang März, bevor die indische Regierung auf Corona reagierte, hatte der frühere Ministerpräsident Manmohan Singh gewarnt: „Indien ist in unmittelbarer Gefahr aufgrund der Dreifaltigkeit aus sozialer Disharmonie, einer wirtschaftlichen Verlangsamung und der globalen Epidemie. Die sozialen Unruhen und der wirtschaftliche Ruin sind hausgemacht, während das Corona-Virus ein externer Schock ist. Ich bin zutiefst beunruhigt, dass die machtvolle Kombination von Risiken nicht nur die Seele Indiens bricht, sondern auch unseren weltweiten Ruf als wirtschaftliche und demokratische Kraft beschädigt.“ Erst elf Tage später meldete sich Modi öffentlich zu Wort.

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