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Deutscher Arbeitsmarkt : 14 Jahre Aufschwung nehmen ein jähes Ende

Erholung dürfte sich hinziehen

Schneller Einbruch, langsame Erholung – diese Erwartung teilen viele Fachleute. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute etwa gehen in ihrer aktuellen Gemeinschaftsprognose davon aus, dass die Erwerbstätigkeit im Zuge des gesamtwirtschaftlichen Aufschwungs langsam weiter steigen wird, und rechnen mit einem Plus von 150.000 Erwerbstätigen in diesem Jahr. Die „Wirtschaftsweisen“ erwarten hingegen nur einen kleinen Zuwachs.

Ein Anstieg der Erwerbstätigkeit ist schon seit dem Herbst zu beobachten, wenngleich die Zahlen weiter deutlich unter dem Vorjahresniveau liegen. Parallel dazu sind sowohl die Kurzarbeit – zuletzt noch rund 2,2 Millionen – als auch die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten wieder spürbar zurückgegangen. Letztere liegt mit aktuell rund 2,7 Millionen jedoch ebenfalls immer noch deutlich höher als vor einem Jahr. Arbeitsmarktforschern zufolge dürfte sie 2021 weiter abnehmen, ihr Vorkrisenniveau aber auch Ende 2022 noch nicht erreicht haben.

Sämtliche Prognosen zur Entwicklung des Arbeitsmarktes sind jedoch mit großer Unsicherheit behaftet. Denn wie schnell sich dieser von der Corona-Krise erholt, hängt von vielen Faktoren ab – allen voran davon, wann weite Teile der Bevölkerung geimpft sind und wie schnell Lockerungen der Corona-Einschränkungen möglich sind. Der Einzelhandelsverband HDE etwa hat angesichts der coronabedingten Ladenschließungen gerade gewarnt, es drohe das Aus für bis zu 50.000 Geschäfte mit mehr als 250.000 Mitarbeitern. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. hält eine Verlängerung des Lockdowns zwar für richtig, rechnet jedoch mit einer Insolvenzwelle.

Wo sollen die Fachkräfte herkommen?

Eine entscheidende Aufgabe sei aber auch, „die Qualität staatlichen Handels zu verbessern“, sagt Wirtschaftsforscher Schmidt. So habe die Corona-Krise gezeigt, wie sehr Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinke, insbesondere im Gesundheitswesen. „Warum ist die Leistungsgrenze der Gesundheitsämter immer noch wie im Frühjahr bei einer Inzidenz von 50 erreicht?“, fragt er. „Hier hätten wir längst besser werden müssen.“

Darüber hinaus spielt für die Exportnation Deutschland und damit auch für den Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt und ob die Exporte wieder anziehen. „Die Erholung kann nicht allein aus Binnenkräften kommen. Wenn wir im Winterhalbjahr einen erneuten kräftigen Einbruch der Wirtschaftsaktivität in Deutschland vermeiden können, dann liegt das vor allem am starken Welthandel.“

Ist die Corona-Krise erst einmal überwunden, dürfte schnell ein Thema wieder auf der Agenda stehen, das vor Ausbruch der Krise dominierend war: der enorme Fachkräftebedarf der Unternehmen. „Das ist ein Stück weit aus dem Bewusstsein gerückt. Aber wenn die Pandemie eingedämmt ist, wird das mit Macht zurückkommen“, sagt IAB-Vizedirektor Walwei. Denn in diesem Jahrzehnt werde sich die Alterung der Gesellschaft durch den beginnenden Renteneintritt der Babyboomer drastisch beschleunigen. Ohne wieder mehr Zuwanderung, die den Aufschwung am Arbeitsmarkt neben einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Beschäftigten in den vergangenen Jahren entscheidend getragen hat, werde es nicht gehen, sagt er. „Das ist die Hauptherausforderung für die Zukunft: Mit welchen Arbeitskräften wollen wir die Wirtschaft am Laufen halten?“

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