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Storymachine: „Nicht fair“ : Kontrollorgan rügt PR-Arbeit für Heinsberg-Studie

Hendrik Streeck und Armin Laschet am 9. April auf dem Weg zur Pressekonferenz, auf der die ersten Ergebnisse der Heinsberg-Studie vorgestellt wurden. Bild: dpa

„Unprofessionell wie leichtfertig“ – der PR-Rat rügt die Agentur Storymachine, die die Heinsberg-Studie begleitete, lässt aber zwei weitere Vorwürfe fallen. Storymachine kontert, prüft Rechtsmittel und spricht von „unwahren Verlautbarungen“.

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          Die Geschichte der Corona-Krise in Deutschland ist auch eine Geschichte über die PR-Arbeit von Virologen: Ob Alexander Kekulé, Christian Drosten oder Hendrik Streeck, alle wurden – ob nun berechtigt oder nicht – schon heftig angegangen für ihre mediale Präsenz.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach dem Streit zwischen der Bild-Zeitung und Christian Drosten um methodische Fehler in einer Untersuchung gerät nun die Heinsberg-Studie von Hendrik Streeck wieder in den Fokus: Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR), das Selbstkontrollorgan der Branche, spricht eine Rüge gegen die Agentur Storymachine aus „wegen der Rufschädigung des Berufsstands durch unprofessionelles Verhalten“. Zwei weitere Vorwürfe ließ der DRPR dagegen fallen. Das geht aus einem Beschluss des DRPR hervor, der am Donnerstag veröffentlicht wurde und der der F.A.Z. vorliegt. Storymachine will das nicht auf sich sitzen lassen: Christian Schertz, Anwalt der PR-Agentur, prüft deshalb laut einer Stellungnahme Rechtsmittel gegen den Beschluss und rechtliche Schritte „gegen unwahre Verlautbarungen des PR-Rats“.

          Storymachine hatte die Arbeit des Teams von Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie des Universitätsklinikums Bonn, in den Sozialen Medien begleitet. Gegründet wurde die PR-Agentur vom ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, dem früheren Chefredakteur von „Stern.de“ Philipp Jessen und dem Event-Unternehmer Michael Mronz, dem Witwer von Guido Westerwelle.

          „Ein vorformuliertes Narrativ“

          Der DRPR begründet die Rüge damit, dass den Beteiligten hätte klar sein müssen, dass „die Studienergebnisse große Aufmerksamkeit“ erfahren würden. Deshalb sei „jede Art von ‚Verkaufe‘ und inhaltlicher Vorbefassung kontraproduktiv“ gewesen. Im Dokumentationskonzept, das im Vorfeld der Studie verfasst worden sei, um Sponsoren zu gewinnen, seien aber schon Ziele formuliert worden, die der DRPR als Vorbefassung interpretiert.

          Es entstehe der Eindruck, dass es sich bei der Arbeit von Storymachine „nicht um eine begleitende Dokumentation gehandelt hat, sondern vielmehr um eine Maßnahme mit dem Ziel, ein vorformuliertes Narrativ in der Öffentlichkeit zu platzieren“: Im Dokumentationskonzept seien „Botschaften enthalten, die ‚Sondersituation in Heinsberg‘ so zu vermitteln, dass sie ‚repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist‘“.

          „Unprofessionell wie leichtfertig“

          Ein solches Vorgehen sei in normalen Meinungsbildungsprozessen „vollkommen legitim“. Im Falle der Studie hätte es dagegen „um eine möglichst neutrale Vermittlung von Wissenschaft in einem für eine Krise typischen nervösen Umfeld“ gehen sollen. „Dies ist in diesem Fall nicht geschehen“, resümiert der DRPR. Stattdessen entstehe der Eindruck, dass „unprofessionell wie leichtfertig agiert worden ist“. Das wiederum habe dazu geführt, dass öffentlich „der Eindruck einer manipulativen Darstellung entstanden ist“. Dadurch sei ein „überwunden geglaubtes Negativbild von PR“ bedient und eine „Rufschädigung des Berufsstands“ ausgelöst worden.

          Den Vorwurf, dass die für die Studie erstellten Nutzerkonten in den Sozialen Medien „ohne ausreichende Kennzeichnung eingerichtet“ worden seien, sieht der DRPR dagegen als „nicht erhärtet“ an. Im Impressum sei deutlich gemacht worden, dass Storymachine der Absender sei.

          Zudem hat das Selbstkontrollorgan der PR-Branche untersucht, ob die Sponsoren der Studie ausreichend transparent kommuniziert wurden. Zwar sei deren Beteiligung nur schrittweise kommuniziert worden, das sei aber nicht als Verstoß gegen die Richtlinien zu werten. Nach Angaben von Storymachine haben zwei Unternehmen die Arbeit der Agentur für die Heinsberg-Studie mit 30.000 Euro unterstützt. Die Kosten für Storymachine seien aber deutlich höher gewesen, hatte Gründer Jessen im April gegenüber der F.A.Z. erklärt.

          Storymachine wehrt sich

          Storymachine-Anwalt Schertz kritisierte das Vorgehen des DRPR: Die Agentur sei nur zum Vorwurf der „Intransparenz bei der Absenderkennzeichnung und der Sponsorennennung“ angehört worden, den sie erfolgreich habe widerlegen können.

          „Umso befremdlicher ist es, dass der PR-Rat jetzt einen Punkt rügt, zu dem Storymachine im Verfahren überhaupt nicht angehört wurde. Das hat mit einem fairen Verfahren nichts zu tun“, schreibt Schertz in einer Stellungnahme an die F.A.Z. Dabei habe die Agentur ausdrücklich angeboten, zu offenen Fragen Auskunft zu geben. „Der nunmehr plötzlich vom PR-Rat erhobene neue Vorwurf“ bezüglich des Dokumentationskonzeptes – der nun auch die Rüge zur Folge hat – sei nicht begründet. Deshalb prüfe man Rechtsmittel gegen den Beschluss und „weitere rechtliche Schritte gegen unwahre Verlautbarungen des PR-Rats im Vorfeld des Verfahrens in den Medien“.

          Aus dem DRPR hieß es daraufhin, Schertz verwechsele das Selbstkontrollorgan offenbar mit einem Gericht. Zudem seien die Inhalte des Konzeptes eindeutig.

          Der DRPR hatte Mitte April mitgeteilt, die PR-Arbeit rund um die Heinsberg-Studie aufgrund eines Anfangsverdachts zu prüfen. Die nun erteilte Rüge soll berufsethische Normen aufrechterhalten, haben nach Angaben des DRPR-Vorsitzenden Lars Rademacher jedoch keine juristischen Folgen.

          Erste Ergebnisse der Heinsberg-Studie waren am 9. April in einer gemeinsamen Pressekonferenz von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Hendrik Streeck und damit sehr kurz nach Beginn der Erhebung vorgestellt worden. Es entstand der Eindruck, dass damit ein Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder am 15. April, auf dem über Lockerungen von Corona-Maßnahmen entschieden wurde, beeinflusst werden sollte.

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