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Lockdown aus Versehen : Die lombardischen Händler sind wütend

Leere auf dem Platz vor dem Mailänder Dom Bild: dpa

Eine Datenpanne schickte die Region in Norditalien fälschlicherweise in einen harten Lockdown. Die dortigen Händler verlangen nun Entschädigung für ihre entgangenen Geschäfte.

          3 Min.

          In Mailand und der umliegenden Region Lombardei fühlen sich Händler um ihre ohnehin schmalen Erträge betrogen, weil wegen einer Datenpanne die gesamte Region – die wirtschaftlich bedeutendste Italiens– in der vergangenen Woche einen strengen Lockdown erlebte, obwohl der gar nicht notwendig gewesen wäre. Die Rede ist nun von Sammelklagen und Schadenersatzsummen in Höhe von 600 Millionen Euro.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          In der Woche vom 17. bis 23. Januar war die Lombardei als „rote Zone“ eingestuft, in der niemand ohne triftigen Grund aus der Wohnung durfte und alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte geschlossen bleiben mussten. Der Großteil Italiens wird dagegen derzeit mit „orange“ beschrieben, das heißt, dass sich alle frei bewegen und Geschäfte offen sein dürfen, aber Restaurants geschlossen sind, zudem der Wohnort nicht verlassen werden darf.

          Nach der Ankündigung der Zentralregierung, dass die Lombardei ab dem 17. Januar zur „roten Zone“ erklärt würde, hatte sich deren Regionalpräsident Attilio Fontana sofort öffentlich über Ungerechtigkeit beschwert und Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Noch vor der Entscheidung der Verwaltungsrichter stellte sich jedoch heraus, dass bei der Berechnung des Index „Rt“ für die Verbreitung des Virus in der Lombardei ein Fehler unterlaufen war.

          Aufgabe für die Richter

          Grundlage für die Einstufung als „rote Zone“ war ein Index Rt von 1,4. Nun stellt sich nachträglich heraus, dass dieser Index wohl 0,93 betragen hat und die Lombardei mit ihren 10 Millionen Einwohnern nach den italienischen Regeln streng genommen sogar als „gelbe Zone“ mit geöffneten Restaurants und Bewegungsfreiheit zwischen den Kommunen hätte eingestuft werden müssen.

          Über die Verantwortung für den Datenfehler wird noch gestritten zwischen der Zentralregierung in Rom und der in der Lombardei. Die Auseinandersetzung wird emotional, weil die Lombardei eine rechte Regierung hat und damit von manchen Regierungsparteien in Rom als Stellvertreter für den Lega-Chef und Populisten Matteo Salvini behandelt wird. Umgekehrt gibt es von Salvini und dem Regionalpräsidenten Fontana Polemik gegen die Zentralregierung, die angeblich eine Region aus politischen Gründen bestrafe.

          Objektiver Grund der Datenpanne ist der Umstand, dass seit Oktober Virus-infizierte Personen ohne Symptome nach 21 Tagen als gesund gezählt werden, ohne dass dafür ein Test nötig ist. Diese zuvor Infizierten wurden aber nicht aus der Statistik genommen. In die Berechnung von „Rt“ gingen daher Ende Dezember 14.180 angeblich Infizierte ein, statt der richtigen Zahl 4918.

          Bürgermeister aus links regierten Städten der Lombardei sagen nun, die Region sei wohl den ganzen Herbst über wegen falscher Zahlen zu streng behandelt worden. Dafür wollen sie ihrerseits Schadenersatz von der Region.

          Schwerfällige Apparate

          Die Verantwortlichen für die Datenpanne zu finden, wird aller Voraussicht nach Aufgabe von Richtern werden. Die Regionalregierung der Lombardei sagt, sie habe sich streng an die Vorgaben aus Rom gehalten und immer die gleichen Datensätze abgeliefert. In Rom präsentiert man eine Mailnachricht aus der lombardischen Regierung aus der vergangenen Woche, in der von „korrigierten Zahlen“ die Rede ist. Dann habe es die Lombardei also doch nötig gehabt, eine Korrektur vorzunehmen, ist die Schlussfolgerung in Rom. Folglich würden die Vorwürfe aus Mailand womöglich nur dazu dienen, eigene Verantwortlichkeit mit parteipolitischer Polemik zuzudecken.

          Generell sind in Italien die Regionalregierungen schwerfällige Apparate, in der in der Vergangenheit viele politische Günstlinge untergebracht worden sind. Zudem befasste man sich dort traditionell mehr mit Verfahrensvorschriften und hat nicht viele Mitarbeiter zur Verfügung, die Probleme der Statistik überblicken können.

          Für den beliebtesten Regionalpräsidenten im Norden, den Lega-Politiker Luca Zaia aus dem Veneto, ist der Streit um den Lockdown aus Versehen in der benachbarten Lombardei ein Grund, eine generelle Neubewertung der Statistik zu verlangen. Bei dem anderen wichtigen Indikator, der Zahl der Neuinfizierten einer Woche je 100.000 Einwohner, seien gut funktionierende Regionen wie das Veneto benachteiligt, sagt Zaia. Im Veneto werde viel getestet, im Dezember durchschnittlich mit 60.000 Tests am Tag. Damit würden auch viele Infizierte gefunden und die Indikatoren schlecht aussehen. Andere, südliche Regionen mit nur 400 Tests am Tag hätten auch nur wenige Infizierte gefunden und stünden deswegen gut da.

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