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Corona in Großbritannien : Der „unsichtbare Killer“ lähmt London

Die leere Oxford-Street mitten in London Bild: dpa

Geschäfte, Restaurants und Pubs sind noch geöffnet in der britischen Hauptstadt – doch es kommen kaum Kunden. Supermärkte wollen Panikkäufer stoppen. Die Stimmung ist wie auf einer Beerdigung. Die Regierung verspricht viel Geld.

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          Es ist gespenstisch leer im Zentrum. Manche bizarre Attraktion buhlt hier um Besucher, etwa „Body Worlds“ am Piccadilly Circus, die Ausstellung mit den präparierten Leichen. „Normalerweise haben wir mindestens dreihundert Besucher an einem Wochentag, heute sind nur dreißig gekommen“, sagt der Kassierer am späten Dienstagnachmittag. Wie es weitergeht? Der Mann zuckt die Schultern.

          „Wir stehen im Krieg mit einem unsichtbaren Killer“, tönt Gesundheitsminister Matt Hancock. Nachdem der Regierung Boris Johnson ein zu lasches Vorgehen gegen die Coronavirus-Pandemie vorgeworfen wurde, macht sie nun eine Kehrtwende. Johnson rief alle Bürger auf, soziale Kontakte weitgehend zu stoppen und nicht mehr in Kneipen, Klubs und Theater zu gehen.

          Die Versicherer winken ab

          Prompt folgte ein Aufschrei der Gastwirtschaftsbranche: Die British Beer and Pub Association, die für fast 50.000 Kneipen im Land mit einer halben Million Beschäftigten spricht, warnt vor einer „existenziellen Krise“. Laut Verband UK Hospitality hat die Gastwirtschaftsbranche schon Umsatzeinbußen von 70 Prozent erlitten. Insgesamt 3 Millionen Menschen arbeiten in den Kneipen, Restaurants, Hotels und Freizeiteinrichtungen des Landes. Viele stünden nun vor dem Aus.

          Ein Mann steht in der Corona-Krise mit einem Schild in London und fordert Hilfen für die Angestellten der Gastwirtschafts-Branche.

          Vor der Downing Street Nr. 10, dem Amtssitz von Premier Johnson, hat sich ein junger Mann mit einem Papp-Plakat aufgestellt. „Wir verlieren unsere Jobs! Wie werden wir unsere Mieten zahlen, wo ist die Unterstützung für gering bezahlte Arbeiter und kleine Unternehmen?“ Die Pub-Branche beklagt, dass der Premier den „dringenden Rat“ geäußert hat, nicht in Kneipen zu gehen. Da die Regierung aber die Schließung nicht offiziell angeordnet habe, könnten die Pub- und Restaurant-Betreiber auch keine Entschädigung von ihren Versicherungen erhalten. Doch die Versicherer winken ab. Die meisten Gastwirtschafts-Unternehmen hätten gar keine entsprechende Police, die Verluste wegen einer gesetzlich angeordneten Betriebsschließung in einer Pandemie abdeckt.

          Die Kehrtwende mit dem Aufruf zur „sozialen Distanzierung“ hat die Regierung eingeleitet, nachdem Mediziner des Imperial College London in einer Studie gewarnt hatten, dass sonst eine schnelle Ausbreitung des Virus zur totalen Überlastung des Gesundheitssystems mit bis zu 260.000 Corona-Toten führen werde. Das wollte die Regierung doch nicht riskieren, daher der zumindest teilweise „Lockdown“.

          Musiker in der Geisterstadt

          Schon am Dienstag wirkt London in Teilen wie eine Geisterstadt. Wo sich sonst Touristenmassen drängen, sieht man nur noch vereinzelt Menschen. Eine Sängerin mit Gitarre steht auf dem Platz Piccadilly Circus. „Alles ein bisschen down heute“, sagt sie ins Mikrophon. Dann versucht sie, gegen die trübe Stimmung anzuspielen.

          Ein Musiker auf dem Piccadilly Circus

          Am nahen Leicester Square flattern mehr Tauben herum als Menschen. Die Kinos haben schon geschlossen, etwa das berühmte Odeon, dessen schwarze Fassade jetzt so düster und trist wirkt wie ein Sargdeckel. Im Angus Steakhouse sitzen noch an wenigen Tischen eine Handvoll Leute, auch einige Fastfood Restaurants haben noch Gäste. Die Souvenirläden sind komplett leer.

          Besonders hart trifft es die Kultureinrichtungen. Das Wyndham’s Theatre, wo das neue Stück „Leopoldstadt“ von Tom Stoppard bis vor Kurzem stets ausverkauft war, hat den Betrieb eingestellt. Der Premier habe „eine ganze Industrie dem Untergang geweiht“, klagt der Produzent. Vor allem die freiberuflichen Schauspieler und Künstler sind tief besorgt, sie verlieren ihre Jobs und haben null soziale Absicherung. Das gesetzliche Krankengeld beträgt 94,25 Pfund je Woche. Davon kann man nicht leben in der teuren britischen Hauptstadt.

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