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Produktion reicht nicht aus : Maskenstreit

Eine Ärztin setzt sich im Behandlungszimmer einer Corona-Ambulanz eine Atemschutzmaske der Kategorie FFP2 auf. Bild: dpa

Weil der Nachschub nicht reicht, sucht Europa händeringend nach Atemschutzmasken – in Frankreich sieht sich das Krankenhauspersonal großen Risiken ausgesetzt. Deutschland seinerseits reglementiert die Exporte.

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          Sie schützen nicht alle gleich gut, manche werden schon zu Hause zusammengenäht, doch in ihrer Profi-Variante namens FFP2 oder FFP3 sind sie für das Gesundheitspersonal unverzichtbar: Atemschutzmasken gehören in Corona-Zeiten zur Grundausstattung der Krisenbekämpfung – aber überall in Europa sind sie Mangelware. Das liegt daran, dass China als der mit Abstand weltgrößte Hersteller sein länger geltendes Exportverbot erst kürzlich wieder aufgehoben hat.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          In den beiden größten Ländern Europas, Deutschland und Frankreich, werden die Folgen jetzt sichtbar. Die Bundesregierung hat eine Genehmigungspflicht für Exporte in Drittstaaten vorgeschrieben und beschlagnahmt teilweise die begehrte Ware – in dieser Woche etwa in Mönchengladbach, wo die Zollbehörde ein Vertriebszentrum des amerikanischen Herstellers 3M besuchte und Atemschutzmasken sowie Schutzbekleidung für Fachpersonal sicherstellte, wie die „Rheinische Post“ berichtete. Aus Bayern meldete die Uniklinik Augsburg wegen der Knappheit extreme Preisanstiege für Atemschutzmasken.

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          In Frankreich ist besonders das Gesundheitspersonal erzürnt über die Mangelwirtschaft. Denn die Regierung verfügte bis 2010 noch über einen Lagerbestand von 1 Milliarde chirurgischer Masken und 600 Millionen Masken des Profistandards FFP2. „Doch nach der H1N1-Grippewelle von 2011 wurde entschieden, dass man diese Lager nicht mehr brauche und die weltweite Produktion ausreiche“, berichtete der Gesundheitsminister Olivier Véran.

          „Engpässe wie in einem Entwicklungsland“

          „Es ist unglaublich, dass in einem Land wie Frankreich so etwas passieren kann. Die Regierung hat uns angelogen, was die Kapazitäten zur Bewältigung der Krise angeht“, erzürnt sich François Blanchecotte, ein Direktor mehrerer Gesundheitslabore in der Loire-Region und Präsident des Branchenverbandes der Laborbetreiber. Er würde gerne mehr Virustests vornehmen, kann dies aber wegen des fehlenden Materials nicht. Philippe Juvin, Chef der Notfallaufnahme im Pariser Krankenhaus „Georges-Pompidou“, schimpfte im französischen Fernsehen ebenfalls, dass die Engpässe einem Entwicklungsland entsprächen. „Eines Tages muss all das auf den Tisch kommen“, verlangte Juvin.

          Frankreich bemüht sich daher jetzt, die Herstellung von Schutzmasken anzukurbeln. Die Regierung fordert Unternehmen etwa aus der Textil- und Papierbranche auf, ihre Produktion umzustellen. In Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verbänden der Mode- und Luxusbranche wurde eine Internetseite für die Koordination und Information eingerichtet. Die Armee stellt fünf Millionen Masken bereit. Im Ausland seien zudem 200 Millionen Exemplare bestellt, berichtete die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Agnès Pannier-Runacher, am Freitag.

          Denn nicht nur vom Gesundheitspersonal kommen dringende Anfragen, gleichzeitig fordern vom Feuerwehrmann bis zur Bankangestellten alle jene Masken an, die in Kontakt mit wechselnden Personen stehen. Die Nachfrage sei zehnmal höher als sonst, berichtet das Wirtschaftsministerium. Drei französische Arbeitgeberverbände und fünf Gewerkschaften riefen am Freitag in einer gemeinsamen Erklärung die Regierung und die Unternehmen dazu auf, für ausreichende Sicherheitsvorkehrungen zu sorgen. Die Masken gelten als ein wichtiger Bestandteil davon.

          Daher arbeiten auch die vier Hersteller Frankreichs auf Hochtouren. „Wir machen permanent Überstunden, und es wurde Urlaubssperre verhängt“, berichtet eine Mitarbeiterin des Unternehmens Macopharma aus Nordfrankreich. Doch die französischen Produzenten sind weitgehend mittelständische Nischenhersteller. Sie schaffen derzeit nur einen Ausstoß von sechs Millionen Masken in der Woche, davon nicht alle in der Profi-Version FFP2, sondern auch in Versionen mit weniger Abdichtung. 15 Millionen Masken würden derzeit an die Apotheken ausgeliefert, sagt die Regierung. Auf dieses Volumen beziffert auch der Verband der Krankenhäuser den Bedarf – allerdings nur für sein Personal und für jeden Tag.

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