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Coronakrise in Deutschland : Bis wann reichen die Krankenhausbetten?

Mehrere leere Krankenhausbetten stehen auf dem Flur der Notaufnahme des Klinikum Frankfurt Höchst. Bild: dpa

Eine Studie behauptet, dass die Intensivstationen in Deutschland im Mai mit Covid-19-Patienten voll sein werden. Die Diskussion über die deutsche Kliniklandschaft läuft auf Hochtouren.

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          Im Unterschied zu anderen Ländern hat Deutschland vergleichsweise viele Krankenhausbetten für mögliche Corona-Kranke, trotzdem könnten die Kliniken schon bald an Grenzen stoßen. Wenn die Lungenkrankheit Covid-19 im berechneten Maße um sich greift, „dann wird Deutschland am 14. Mai keine Betten in den Intensivstationen mehr frei haben und Anfang Juni keine Krankenhausbetten“, heißt es in einer Studie von Deutsche Bank Research.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Dabei geht es der Bundesrepublik noch vergleichsweise gut. Den Angaben zufolge gibt es hierzulande 1942 Krankenhäuser mit 497.000 Betten für die Allgemein- und Akutversorgung. Die Auslastung beträgt 78 Prozent. 1160 Kliniken, also 60 Prozent der Gesamtzahl, halten Intensivbetten vor. Von diesen 28.000 Intensivbetten sind derzeit 79 Prozent belegt. Im Vergleich dazu trifft es Erkrankte in Großbritannien härter. Das Land mit einer um ein Fünftel kleineren Bevölkerung verfügt über 102.000 Betten, von denen 4000 auf Intensivbehandlungen ausgerichtet sind. Die Auslastung beträgt bei allen Betten 92 Prozent, bei den Intensivbetten 75 Prozent.

          Das vielgeschmähte amerikanische Gesundheitswesen mag ungerecht organisiert sein, viele Menschen sind unzulänglich versichert. Die Versorgungsdichte aber ist der Studie zufolge nicht zu verachten. Die Einwohnerzahl ist vier Mal so hoch wie die deutsche. Bei der Menge der Krankenhäuser und Betten wird dieser Faktor zwar nicht erreicht: Es gibt in Amerika 5200 kommunale Spitäler mit 790.000 Betten. 2900 dieser Einrichtungen halten 99.000 Intensivbetten vor. Die Auslastung ist mit 65 und 68 Prozent aber geringer als in Deutschland. An diesem Freitag hat das Statistische Bundesamt Daten zur deutschen Bettenausstattung bekanntgeben. Das sind aber dieselben wie die der Bank, die nicht sehr aktuell sind, sondern von 2017 stammen.

          „Der oft beklagte ,Bettenberg‘ ist im Ernstfall unverzichtbar“

          Die Frage nach der Vorbereitung auf die Einlieferung von Covid-19-Patienten hat die Diskussion über die deutsche Kliniklandschaft neu belebt. Im vergangenen Jahr hatte eine Studie der Bertelsmann Stiftung für Aufregung gesorgt, wonach die Zahl der Krankenhäuser von 1400 auf weniger als 600 mehr als halbiert werden könnte. Damit ließen sich die Versorgungsqualität und die Personalausstattung bei Ärzten und Pflegekräften verbessern, hieß es.

          Die Deutsche Krankenhausgesellschaft DKG sieht solche Überlegungen kritisch. „Die derzeitige Situation macht deutlich, wie wichtig eine flächendeckende Krankenhaus- und Notfall-Versorgung ist“, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß der F.A.Z. Seit zwei Jahrzehnten fehle aber das Geld, „um auf dem aktuellen und besten Stand“ zu sein. In erster Linie sei das Aufgabe der Länder, doch sollte sich auch der Bund mit seinen beabsichtigten Konjunkturspritzen beteiligen, forderte Gaß.

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          Der Deutsche Städte- und Gemeindebund monierte, die Klinikplanungen orientierten sich ausschließlich an der Wirtschaftlichkeit. Viel zu wenig würden Pandemiegefahren berücksichtigt und die Notwendigkeit, zusätzliche Behandlungsplätze auch in den Regionen vorzuhalten. „Der oft beklagte ,Bettenberg‘ ist im Ernstfall unverzichtbar, um die Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens zu gewährleisten“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der F.A.Z. Auch er verlangte, ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen.

          Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, sagte, eine „Just-in-time-Versorgung“ funktioniere im Gesundheitswesen nicht: „Die Feuerwehr wird ja auch nicht nach Bränden bezahlt und schafft sich erst dann Feuerwehrautos an, sondern wir brauchen und finanzieren sie vorsorglich.“ Eine genügende Bettenzahl in der Fläche sei auch deshalb nötig, um den Spezialkliniken für schwerere Erkrankungen den Rücken freizuhalten. Dennoch könnten in der Corona-Krise die Kapazitäten ausgeschöpft werden, dann müssten „elektive Eingriffe“ wie Hüftoperationen abgesagt werden.

          Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung sagte, das Ziel der Studie sei es gewesen, die medizinische Effizienz zu stärken – auch in der Fläche und auch für Krisenfälle. Die beste Versorgung werde aber nicht notwendiger Weise durch Kliniken erbracht. „Gerade bei einer außergewöhnlichen Belastung des Gesundheitssystems wie bei Corona können wir es uns nicht leisten, die ohnehin knappen Ressourcen suboptimal einzusetzen.“

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