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Impfstoffproduktion : Hat Astra-Zeneca schon wieder zu viel versprochen?

Impfstoff von Astra-Zeneca: Ende Januar hatte der Hersteller angekündigt, im ersten Quartal nur 31 Millionen Dosen seines Vakzins an die EU liefern zu können Bild: Reuters

Der Pharmakonzern Astra-Zeneca produziert wohl auch im zweiten Quartal weniger als zugesagt. Gesundheitsminister Jens Spahn versucht zu beruhigen.

          3 Min.

          Der schwedisch-britische Pharmakonzern Astra-Zeneca sorgt in der EU mit abermaligen Produktionsengpässen für neuen Ärger. Das Unternehmen, das schon im ersten Quartal dieses Jahres deutlich weniger von seinem Corona-Impfstoff in die EU liefert als in dem im August 2020 geschlossenen Liefervertrag vereinbart, droht seine Zusage auch im zweiten Vierteljahr deutlich zu verfehlen. Das zeichnete sich nach einer Routinesitzung von EU-Vertretern mit Astra-Zeneca-Managern am Dienstagabend ab. Nach einer weitgehend bestätigten Meldung der Agentur Reuters ist für diesen Zeitraum statt der im Vertrag vereinbarten 180 Millionen mit „weniger als 90 Millionen“ Dosen zu rechnen. Damit betrüge das gesamte Liefervolumen bis Ende Juni statt der zunächst zugesagten 300 Millionen nur 130 Millionen Dosen.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Ende Januar hatte der Hersteller angekündigt, im ersten Quartal statt wie im Vertrag vereinbart 80 nur 31 Millionen Dosen seines Vakzins an die EU liefern zu können. Später stockte er seine Zusage auf 40 Millionen auf. Im Dezember, für den 30 Millionen vereinbart waren, hatte das Unternehmen gar nichts geliefert.

          Scharfe Kritik aus dem Europaparlament

          In dem Gespräch am Dienstagabend brachte ein Astra-Zeneca-Manager die neuen Zahlen offenbar versehentlich ins Gespräch. In einer Präsentation zur Produktionsplanung im laufenden Vierteljahr präsentierte er unabsichtlich auch die genannten Zahlen fürs Folgequartal. Das Unternehmen bemühte sich in der Nacht um Klarstellung. Man arbeite daran, „die Produktivität in der EU-Lieferkette zu erhöhen und das globale Produktionspotential zu nutzen“, um tatsächlich 180 Millionen Dosen an die EU auszuliefern, teilte ein Sprecher mit. Gemeint ist damit offenbar, dass sich die in die Welt geratene Zahl von 90 Millionen nur auf die Herstellung in der EU bezieht – und dass Astra-Zeneca die Lücke von weiteren 90 Millionen mit der Produktion in Nicht-EU-Staaten, vor allem in Großbritannien zu schließen gedenkt. Daran bestehen in der EU freilich Zweifel, nicht zuletzt weil das Unternehmen seine ersten Lieferungen bevorzugt nach Großbritannien gelenkt hat.

          Die EU-Kommission gab am Mittwoch keinen offiziellen Kommentar dazu ab. Dagegen kam aus dem Europaparlament scharfe Kritik. Die niederländische Christdemokratin Esther de Lange nannte es nicht akzeptabel, dass das Unternehmen dauernd neue Daten in den Raum stelle. Astra-Zeneca führe sich wie ein „unzuverlässiger Gebrauchtwagenhändler“ auf. Auch EU-Diplomaten sagten, Astra-Zeneca habe ein Glaubwürdigkeitsproblem. Etliche EU-Staats- und Regierungschefs dürften deshalb auf ihrem Videogipfel zur Covid-Pandemie an diesem Donnerstag ihren Unmut über die schleppenden Lieferungen zum Ausdruck bringen. Im Entwurf der Abschlusserklärung heißt es, man erwarte, dass die Unternehmen ihre Zusagen einhielten – eine Aussage, die sich eindeutig und ausschließlich an Astra-Zeneca richtet.

          Zugleich gerät die Kommission wieder in die Schusslinie, steht doch abermals die Frage im Raum, ob die EU ihr Ziel erreichen kann, bis Ende des dritten Quartals 70 Prozent der Erwachsenen geimpft zu bekommen. Derzeit spielen neue Astra-Zeneca-Ausfälle keine größere Rolle, weil sich in Deutschland nicht einmal die geringeren Mengen des Vakzins zügig verimpfen lassen. Wenn das Unternehmen das Loch im zweiten Quartal aber nicht stopfen kann, hat das durchaus Einfluss auf das Impfziel.

          Die EU-Behörde stellt sich auf weiteres Fingerhakeln mit Astra-Zeneca ein. „Wir verlassen uns jedenfalls nicht darauf, dass sie ihre Zusagen komplett einhalten“, heißt es in der Kommission. Dafür seien die Erfahrungen der vergangenen Wochen zu schlecht gewesen. In Brüssel wird verbreitet, zur Erfüllung des Impfziels sei man letztlich nicht auf den schwedisch-britischen Konzern angewiesen, weil schon im zweiten Quartal andere Hersteller genug lieferten. Das gelte zunächst für Moderna und Biontech/Pfizer, die ihre Produktion steigern könnten. Hinzu komme, dass der Impfstoff von Johnson & Johnson etwa Mitte März zugelassen werde, etwa einen Monat später könnte es bei Curevac so weit sein. Optimisten in Brüssel glauben, schon Ende Juni könnten 280 Millionen EU-Bürger geimpft sein.

          Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist zuversichtlich. „Mit dem, was an Produktionskapazität da ist, können wir im zweiten Quartal auch deutlich mehr Menge erwarten“, sagte Spahn am Mittwoch im Bundestag. Vor vier oder sechs Wochen hätten die Bundesländer nachvollziehbar darauf hingewiesen, dass sie mehr Dosen von der EU und vom Bund brauchten. „Nun aber sind die Impfdosen da, und ich gehe davon aus, dass wir in den Ländern an Geschwindigkeit gewinnen.“ Statt wie bisher 140.000 oder 150.000 Spritzen am Tag könnten die Impfzentren bis zu 500.000 setzen. Damit könne man innerhalb der Priorisierungsstufe 1 auch Gruppen immunisieren, die bisher schwer zu erreichen waren. Inzwischen erhielten auch erste Personen aus der Stufe 2 einen Schutz, etwa Polizisten und weiteres medizinisches Personal, demnächst auch Mitarbeiter in Grundschulen und Kindergärten. In Spahns Haus ist man zunehmend der Ansicht, dass nicht länger die Verfügbarkeit des Vakzins Schwierigkeiten bereitet, sondern das Impfen der Patienten. Deshalb sollen auch niedergelassene Hausärzte die Injektionen vornehmen. Einigen Länder wie Mecklenburg-Vorpommern oder Hamburg hätten damit schon begonnen, sagte Spahn. Mit den Ländern ändere man derzeit die Impfverordnung entsprechend. Die Impfung in den Praxen bereite man „sobald als möglich“ vor.

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